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Sandra Walzer, Fräulein Ideenfinderin

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Das Märchen vom bösen Wissenweitergebewolf

Es war einmal ein Montag an der Fachhochschule, ein Dienstag mit Kunden und ein Mittwoch mit einem Gedanken darüber, ob Wissen weiterzugeben denn nun clever ist oder nicht, ob, wer Wissen ohne Rechnung teilt, gut oder böse ist. Fragen wir uns:

Wer ist klüger: Rotkäppchen oder der Wolf?

Ich sag’s Ihnen: Die Mutter ist’s. Ihr kommt in der ganzen Geschichte zwar nur eine Nebenrolle zu, aber hey – sie ist es doch, die Rotkäppchen Kuchen und Wein für die kranke Großmutter mitgibt (wie aufmerksam von ihr), sie ist es, die dem kleinen Mädchen den langen Weg zutraut und mit ihrer Tochter das Wissen über den sichersten Weg teilt. Dass dann der Wolf des Wegs kommt und Rotkäppchen an der Nase herumführt, naja, andere Geschichte. Geht ja auch alles gut aus am Ende. Denn ach: „und Rothkäppchen gedacht bei sich: du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Weg ab in den Wald laufen, wenn dirs die Mutter verboten hat.“ Aha! So hat denn das geteilte Wissen am Ende alle drei weiter- und den bösen Wolf um die Ecke gebracht.

Dies ist das Märchen vom bösen Wissenweitergebewolf

Vergangenen Montag: Hochschultag. Am gestrigen Dienstag: Kundentermintag. Heutiger Mittwoch: Mussmalraustag. In diesem Fall: Ein Gedanke, der raus muss, weil ihm im Alltag oft zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Wissen weitergeben ist nicht schlimm. Wissen zu teilen ist nichts Kontraproduktives oder gar Böses. Und dennoch wird es oft genau so gesehen. „Waaaas? Du gibst Dein Know-how umsoooonst her?“ Nein, nicht umsonst. Kostenlos, kostenfrei, unbezahlt, gratis, ja, aber garantiert nicht umsonst. Und nicht immer. Aber immer wieder. Denn wenn ich im anonymen Netz nicht überzeugend darlegen kann, dass ich eine gewisse Ahnung davon habe, wie man Texte schreibt, Konzepte entwickelt und Workshops hält – wer sollte mich dann beauftragen?

Vom Goldesel und der Sache mit dem Sack

Natürlich verkaufe ich etwas. Und das finde ich gut so. Ich kann Dinge, die andere nicht können, oder nicht so gut. Texten zum Beispiel. Ideen finden. Kreativ sein. Um die Ecke denken, schreiben, wie andere denken, mich in andere hineindenken. Ich nenne mich nicht umsonst Storyteller. Storytelling ist mein Ding, und damit ist es Ihrs. Manchmal eben auch ganz ohne Rechnung. Wer kauft schon die Katze im Sack? Wer hat schon potenzielle Kunden in selbigem, wenn diese noch nicht überzeugt sind? Die ganze Geschichte um wertvolles Wissen, die funktioniert nur, wenn wir es teilen.

Sehen Sie sich mal um: Erfolgreiche Unternehmen haben eine funktionierende Know-how-Basis, auf die alle Mitarbeiter*innen zugreifen können. Bleibt das Wissen in den Köpfen, geht es verloren, sobald eben auch die Mitarbeiterin geht oder der Kollege Urlaub hat. Die Community im Netz gibt Antworten, die wir allein nicht finden. Das Netzwerk unterstützt, wenn wir ohne Hilfe steckenbleiben. Schwarmintelligenz wird oft negativ wahrgenommen, darin steckt für mich durchaus viel Positives: sich gegenseitig weiterbringen. Ich gebe Butter und Zucker, du bringst Eier und Mehl. Gemeinsam wird der Kuchen für die Großmama draus, und wenn wir das oft genug tun, können wir ein Café mit Kuchenbüfett eröffnen. Dann lohnt sich das von Oma geteilte Wissen um die besten Kuchenrezepte; dann reckt und streckt sich der Goldesel, und der Knüppel bleibt im Sack. Denn: Freie und bezahlte Leistungen können ohne Weiteres Hand in Hand gehen. Die beißen sich nicht. Im Gegenteil.

Der Haken an „Knüppel aus dem Sack“

Free Content macht vielen Angst. Aber mein Konto! Aber der Markt! Aber meine mühsam erkämpfte Positionierung! Der Haken am Konkurrenzdenken und Ellbogenausfahren? Es räumt andere aus dem Weg, und ich bleibe allein auf der Strecke. Statt mich mit anderen zusammenzutun und in starker Gemeinschaft noch stärkere Geschichten zu erzählen. Zusammen fällt uns mehr ein, das liegt in der Natur der Sache und des menschlichen Gehirns. Kämpfe ich gegen andere, hole ich mir blaue Flecken, und im schlimmsten Fall ist der Ruf für immer futsch. Wissen weitergeben beweist Wertschätzung. Und, ganz banal, ist der Appetithappen, der Lust auf mehr machen kann, soll und darf.

Das ist auch der Grund, warum ich zum Wintersemester 2018/19 wieder mit einem Lehrauftrag bewaffnet in die Hochschule marschiere: um mein Wissen über das Schreiben, die Worte und deren Wirkung den Digital Media Marketing Studierenden im Fach „Schreiben für Web und audiovisuelle Medien“ weiterzugeben. Ich liebe das, vor allem, wenn ein proppenvoller Saal mit Neugierigen mir das Gefühl gibt, wirklich wissen zu wollen, was ich zu erzählen habe. Am Montag fragte mich ein Student nach mehr Büchern dazu – ein wundervolles Gefühl, besser als Kuchen und Wein. Schon einen Tag später erlebte ich Ähnliches in einem Kundentermin. Gestern war’s, als mir zwei Menschen ihr Vertrauen schenkten und darauf bauen, dass meine Erfahrung sie weiterbringt. Das durchaus gegen Geld, und wir können damit alle gut leben. Anfang November wiederum werde ich mein Wissen in einem Workshop weitergeben, im Rahmen der Textertagung des Texterverbands in Leipzig. Ich freu’ mich drauf.

Schluss mit Märchenstunde

Die Mär vom (zu) wohl behüteten Know-how: Machen wir ein für alle Mal Schluss damit. Wer Wissen, Können, Tipps und Tricks eifersüchtig für sich behält, aus lauter Angst, zu viel zu geben, der die wird niemals wirklich große Schritte machen, gemeinsam mit anderen Großartiges schaffen oder neue Wege gehen. Kuchen als Wegzehrung gibt’s da schon zweimal nicht; einziger Proviant ist über kurz oder lang die nachhaltige Erfolglosigkeit. Wer nicht teilen will, wird als einsamer Wolf (ver)enden.

Und wenn sie nicht gestorben sind, die guten Ideen und der Mut, auch mal ganz ohne Eurozeichen in den Augen zu geben, dann leben sie noch heute und hoffentlich sehr lange. Im Team und mit Toleranz für das Gleichgewicht von Geben und Nehmen.

Wie sehen Sie das? Ich stehe Gewehr bei Fuß: Sagen Sie mir Ihre Meinung dazu. Haben Sie beim Weitergeben von Wissen ganz ohne klimpernden Gegenwert Steine im Magen? Oder halten Sie es mehr mit Rotkäppchens Mutter? Schreiben Sie’s mir in den Kommentaren.

Rotkäppchen in Altdeutsch

Zu lang? In kurz:

Machen wir Schluss mit der Mär vom bösen Wissenweitergeben. Free Content und bezahlte Leistungen beißen sich nicht, sie ergänzen sich. Sehr gern teile ich Tipps, Tricks und Erfahrung ganz ohne Rechnung, und ebenso gern schreibe ich ebensolche für das, was ich darüber hinaus zu bieten habe. Das funktioniert, so kombiniert, mindestens so gut wie Kuchen und Wein oder rote Käppchen mit Korb.

Über die Autorin

Fräulein Walzer, Storyteller. Gute Geschichten erzähle ich als Texterin und Konzeptionerin, Trainerin und Coach, Brillenbloggerin und Fußballautorin – privat seit etwa 30 Jahren, beruflich seit 1997, selbstständig seit 2010.

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