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Foto: Ruth Frobeen

Wer Brille trägt, ist intelligent(er)

„Dubiose Dioptrin“ titelt das ZEIT Magazin heute in einer Gesellschaftskritik von Tillmann Prüfer. Ob nun Tippfehler oder Unwissenheit: Über das fehlende e will ich hier keine Diskussion anfangen. Das habe ich auf Twitter schon weitergegeben, und es ist mittlerweile korrigiert. Hier soll es um etwas anderes gehen.

Brille und IQ

Nämlich um die Schauspielerin Eva Longoria, die – angeblich – eine Sehschwäche vortäuscht, um Brille zu tragen. Bevorzugt Brille eines bestimmten Herstellers. Womöglich sogar als Werbung? HUCH? Mich hat der Artikel zum Nachdenken gebracht. Über Sehschwächen und Sehhilfen, über Intelligenz und Wirkung, über Akademikerinnen und Brillenträger mit Niveau. Und Eva Longoria? Zeigt auf Twitter, dass sie ja schon seit 2013 Brille trägt, Lesebrille halt.

Warum eigentlich? Warum die Rechtfertigung? Ist es nicht völlig egal, ob jemand Brille trägt oder nicht? Ich habe meine erste Brille überhaupt nur deshalb bekommen, weil ich zum Brillenladen lief und sagte: „Bitte eine schwarze Brille, gern auch mit Fensterglas. Ich will einfach eine Brille.“ Die Optikerin überredete mich zu einem Sehtest, heraus kam ein minimaler Wert von … ich glaube, 0,25 dpt oder etwas in die Richtung. Ich könne ja ein günstiges Gestell mit den billigsten von der Krankenkasse bezahlten Gläsern ausprobieren. Einfach, um ein Gefühl zu bekommen, ob die Sehhilfe nicht doch genau das tut – helfen.

Schnell schlechter? Nicht schlimm

So war es denn, und ich hatte meine erste Brille. Die Werte verschlechterten sich schnell, wenn auch nicht zu heftig. War mir im Prinzip sowieso egal. Heute wäre das ein teurer Spaß, damals (ich war etwa 23, glaube ich) hatte ich nur eine Brille. Kein Problem. Aber zurück zu Eva und dem Artikel. Zunächst zu Eva: Sie geht vor allem die Journalistin an, die aus einer Suchmaschinenanfrage keine Bilder mit Brille von ihr bekam und deshalb davon ausging, das sei ein Fake. Nun – Evas Antwort ist wirklich lesenswert. Das aber nur am Rande. Im zitierten ZEIT-Artikel geht es nicht um journalistische Arbeit, sondern viel mehr darum, warum die Brille als Symbol für Intelligenz angesehen wird. Bis heute übrigens.

Dazu habe ich bei Gelegenheit noch einmal genauer und mehr zu erzählen. Schön fanden Brille schon immer wenige, aber “wichtig”. Wichtig aussehend. Ergo: darf Eva Longoria als Akademikerin auch eine Sehschwäche vortäuschen, immerhin hat sie mit ihrem Abschluss Intelligenz bewiesen. Moment. Ich muss das noch mal …

Hier ist der erste Tweet dazu, hier der zweite.

Akademikerin mit Bachelor in Kinesiologie und Master in Chicano Studies ist also intelligent, darf deshalb ruhig Brille tragen. Muss das aber nicht, weswegen sie es – angeblich – vortäuscht. Was ist da jetzt intelligent, frage ich mich? Ich sage es Ihnen. Ich finde es vor allem ziemlich dumm, überhaupt darüber zu diskutieren. Jeder Mensch darf meiner Meinung nach tragen, was er oder sie gern möchte. Leggings, rosa Hemden, Brille. Wenn die Brille nicht mit geschliffenen Gläsern gebraucht wird, dann ist das toll. Herzlichen Glückwunsch! Sie beneidenswerte Person können sie auch einfach absetzen, wenn sie drückt. Sie können sie gegen eine Sonnenbrille tauschen, irgendeine. Die muss keine geschliffenen Gläser in Ihrer Stärke haben, damit Sie trotzdem alles sehen. Sie können die Brille als Accessoire nutzen, sie aufsetzen oder eben nicht.

Ist Intelligenz verboten?

Warum sollte das nicht „erlaubt“ oder gar ein Zeichen von Intelligenz sein? Ist Intelligenz etwas, das belegt, dass ich mit meiner eigenen Wirkung spielen kann? Oder ist das im Gegenteil fehlende Intelligenz? Wenn ich so tun will, als ob?

Mal angenommen, ich habe einen wichtigen Termin. Bei der Bank, einem großen Kunden, egal. Etwas, bei dem ich seriös auftreten will. Intelligent wirken will. Was tue ich? Ich binde die Haare zusammen zu einem Dutt. Weil ich denke, dass Dreadlocks mein Gegenüber vielleicht überfordern. Ich will niemanden provozieren, sondern auf ihn wirken. Einwirken. Mich auf ihn oder sie wirken lassen. Und den anderen auf mich wirken lassen. Der erste Eindruck zählt – warum sollte ich es mir unnötig schwer machen? Wie weit geht Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung, „mir egal was andere denken“-Haltung? Selbst wenn ich so wäre, wenn es mir egal wäre, wenn ich auf Teufel komm raus mein Ding durchziehen will – dann ist das doch ebenfalls eine bewusste Entscheidung für eine bestimmte Wirkung meiner selbst, oder nicht? Wir wirken nun mal, wenn wir anderen begegnen.

Brille als Zeichen für Intelligenz? fragt Sandra Walzer

Brille als Zeichen für Intelligenz? Na, ich weiß nicht.

Man kann nicht nicht kommunizieren, die Werber unter uns werden sich erinnern. Wenn ich es in der Hand habe, wie diese Wirkung ausfällt, warum soll ich das aus der Hand geben? Wer zum Friseur geht und sich die Haare schneiden lässt – wirkt. Mit kurzen Haaren eben anders als mit langer Wallemähne. Mit Undercut anders als mit „nur die Spitzen, bitte“. Wer also Brille tragen will:

Bitte! Tragen Sie Brille! Auch Eva Longoria.

Ok. Einen Einwand habe ich. Ein Aber. Der Artikel geht noch weiter, es geht um das Wort Sehschwäche. Letztlich irgendwie eine Art der Behinderung. Ohne Hilfsmittel kann ich nicht oder nicht gut sehen. So wie manche Menschen ohne Rollstuhl eben nicht mobil sind. Würde Eva Longoria plötzlich im Rollstuhl sitzen, eine Lähmung vortäuschen, für Werbezwecke am Ende sogar noch, das wäre für Herrn Prüfer nicht okay. Für mich auch nicht, übrigens. Aber da schwingt noch etwas anderes mit. Geht es um die Sehschwäche, oder um das Modeaccessoire? Jetzt wird es kompliziert. Wenn alles und alle gleichberechtigt behandelt werden sollen – dürfte ich dann einen Rollstuhl als Accessoire nutzen? Krude Vorstellung.

Ich will das nicht in diese Richtung vertiefen, da gibt es andere, die das tun. Und es gibt zum Beispiel und nur als Randnotiz erwähnt auch Leidmedien.de, die ganz vortrefflich zeigen, wie sich hier gut und sinnvoll kommunizieren lässt. Zurück zur Sehschwäche also. Geht es um eine körperliche Beeinträchtigung, oder um Mode? Gute Frage. Kann ich nicht beantworten. War ich ein Arsch, als ich damals eine Brille um der Mode willen wollte? Ich habe an dieses Argument der Vortäuschung überhaupt nicht gedacht. Immerhin tragen ja auch sehr viele Menschen Sonnenbrillen um der Mode willen, und nicht, weil ihre Augen keine Sonne oder grelles Licht vertragen. Puh, ich drehe mich im Kreis.

Eine Lösung, ein „falsch“ und „richtig“ finde ich nicht. Aber eine Meinung, die finde ich. Ich finde, Eva Longoria und alle Evas und Sandras und Herberts und Sonstwasens dieser Welt dürfen Brille tragen, wenn sie das möchten. Auch ohne Universitätsabschluss. Ohne, dass ihnen jemand das madig macht. So lange sie sich damit nicht über Menschen mit Sehschwäche lustig machen. Das wäre in der Tat wenig intelligent.

Über die Autorin

Sandra Walzer ist Fräulein mit Brille: Storyteller, Brillenbloggerin. Ich erzähle die Geschichten durch zwei Gläser gesehen und kämpfe gegen die Tücken und Flecken des Brillenträgerinnenalltags.

Kommentare

  • Curi0us (@Curi0us)
    13. August 2015

    Wo darf ich unterschreiben?

    Gibt bestimmt auch Menschen, die Halstücher tragen, obwohl ihnen nicht kalt ist, oder Menschen die hohe Schuhe tragen, obwohl sie gar nicht klein sind, oder…Herrje.

  • Annika
    14. August 2015

    Als meine Mutter noch ein Kind war, wollte sie unbedingt eine Brille haben. Sie bettelte und bettelte, bis meine Oma tatsächlich mit ihr zum Optiker ging und eine Brille mit Fensterglas kaufte. Das war zu einer Zeit, als “Brillenschlange” noch ein beliebtes Schimpfwort war und die Kinder, die eine Brille brauchten, diese nur ungern trugen. Meine Mutter mochte Brillen und fand es bis ins Erwachsenenalter hinein bedauerlich, dass sie gar keine brauchte. Sie erzählte mir, dass sie Brillen einfach hübsch fand und auch die Phrase “wirkt intelligenter” kam in ihrer Erzählung vor.

    Wenn ich jetzt darüber nachdenke, kommt mir noch etwas ganz anderes in den Sinn. Nämlich: meine Mutter war schwerhörig, genau wie ich. OK, nicht ganz genau so, ihre Schwerhörigkeit war nicht so stark ausgeprägt, aber sie war da und hat ihr den Alltag erheblich erschwert. Nun war es schon immer so, dass Schwerhörigkeit von vielen Menschen mit Dummheit gleichgesetzt wird. Das Wort “taub” war in seiner ursprünglichen Bedeutung synonym zu doof, das erklärt schon alles. Ein bisschen glaube ich, dass meine Mutter unbewusst mit der Brille die äußerlichen Nachteile ihrer Schwerhörigkeit ausgleichen wollte. Dass Sie den Leuten damit sagen wollte: “Schaut her, ich bin nicht dumm!”

    Leider ist es immer noch so, dass Schwerhörigkeit mit begriffsstutzig, dumm, langsam und zig anderen negativen Assoziationen gleichgesetzt wird. Deshalb wird es vermutlich auch niemals passieren, dass jemand zum Hörgeräteakustiker geht und sagt, dass er ein Hörgerät haben möchte, gerne ausgeschaltet, Hauptsache ein Hörgerät. Brillen dagegen werden auch weiterhin mit Fensterglas über den Ladentisch gehen.

  • Chris
    20. Oktober 2015

    Vor vielen Jahren gab es in Dortmund mal einen Skandal im Westfalenstadion, weil Besucher sich jahrelang mit Rollstuhl auf Behindertenplätze haben bringen lassen, natürlich unberechtigt.
    Ich selber stehe ungern länger als ein paar Stunden auf dem selben Fleck, wodurch einige Festivals zur Höllenqual werden. Schon mehr als einmal habe ich neidisch(und beschämt) auf die Rollstuhltribüne geschaut, während ich beinlahm versucht habe, den 1,95m Mann vor mir zu durchschauen, oder aus 65m Entfernung ein Gesicht auf der Bühne zu erkennen.

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