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Sandra Walzer, Fräulein Ideenfinderin

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Nachmacher! So dreist bringt eine Fassung aus der Fassung

Plagiate: kennen wir. T-Shirts, Uhren, Markenprodukte ohne Marke. Nachgemachte Billigware, verramscht für ein paar Euro fuffzich. Schnelles Schnäppchen aus dem Nirgendwo für jedermann, bloß nicht nachfragen, nur schnell kaufen, weil billig und weil oft täuschend echt. Manchmal nichts ahnend, oft bewusst ausblendend, was das zum Beispiel auch für die Hersteller der Originale bedeutet. Nicht immer freiwillig in Kauf genommen, manchmal auch dreist untergejubelt. Alles in allem: sind viel zu viele Plagiate im Umlauf, viel zu viele Fälschungen im Angebot und oft mit bloßem Auge und ohne Vergleich nicht zu entlarven.

Ich rege mich auf. Über eine Brille.

Dass ich das mal sage, hätte ich auch nicht gedacht. Wer übrigens bei gefälschten bzw. nachgemachten Produkte erst mal an Shirts mit drei (oder mehr) (oder weniger) Streifen denkt, liegt sicher nicht falsch. (Wobei man zwei Streifen dann schon sehr deutlich erkennt. Wenn es aber um eine winzige Naht geht, um eine minimale Farbabweichung … Schwierige Sache.) Mein Entrüstungssturm hier und heute aber gilt – natürlich – einer Brille. Besser gesagt: dem dreisten Plagiat einer Brillenfassung.

Lesen Sie hier, wie mich die Fassung aus der Fassung brachte.

Plagiarius 2016, Meyer Etui von Sandra Walzer Plagiarius 2016, Meyer Fassung und Etui bei Sandra Walzer

Ein Schmäh-Preis für die beste Schmierenkomödie

Seit 1977 (guter Jahrgang, nebenbei bemerkt) führt der Aktion Plagiarius e. V. jedes Jahr den Plagiarius-Wettbewerb durch. Verliehen wird der Negativpreis gegen Produkt- und Markenpiraterie im Rahmen der Konsumgütermesse „Ambiente“ in Frankfurt/Main; dort werden die jeweiligen „Negativ-Preisträger“ bekanntgegeben. Tusch und Trommelwirbel gab es also am 12. Februar, übrigens zum 40.-Mal. Alles Gute zum Runden, an dieser Stelle. Den Schmäh-Preis für die „beste“ Schmierenkomödie will wohl niemand gern haben, und doch mangelt es nie an „Gewinnern“. Die Preisträger 2016:

 

• der 1. Preis – an die Brillenfassung „ARLES“

• der 2. Preis – an den Tortreibriegel „DENI Plano“

• der 3. Preis – an den Pfannkuchen-Wender mit Teigverteiler „DELICIA“

 

Außerdem wurden fünf gleichrangige Auszeichnungen vergeben für noch mehr Produkte, die den Kopf schütteln lassen.

Plagiarius 2016, Meyer Original und Plagiat

Bildnachweis: Aktion Plagiarius e. V. (links das Original, rechts das Plagiat)

 

Der „Gewinner“ auf Platz 1 des gefürchteten Schmäh-Preises ist also eine Brillenfassung. Im Original (links im Bild) von der Meyer Brillenmanufaktur GmbH, Saarbrücken, das Plagiat (rechts) von MOM GmbH Mechanisch-Optische-Metallverarbeitung, Rathenow. In Nuancen unterscheidet sich die Farbe, auf den ersten Blick sehen die beiden Brillen gleich aus. Thomas Meyer von der Meyer Brillenmanufaktur beschreibt das nachgemachte Produkt, sagt, die Oberfläche sei weniger schön und relativ instabil, die Gängigkeit des Scharniers eben nicht so wie beim eigenen Produkt.

Plagiarius 2016, Meyer Brillenfassung Plagiarius 2016, Meyer Brillenfassung

Natürlich sagt der hinters Licht Geführte das. Was ich aber auf jeden Fall von meiner eigenen Meyer-Brille weiß: Grade das Scharnier macht sie so angenehm im Gebrauch. Super leicht, mit besonderen Details im Design … Die Designer und Produzenten haben verdient, dass man ihre ehrliche Arbeit würdigt. Zum Originalpreis. Selbst wenn das nachgemachte Produkt genauso funktioniert – es stecken gestohlene Gedanken und rauchende Köpfe darin, die sich andere zerbrochen haben.

Und noch etwas sei erwähnt. Wer die Brille den ganzen Tag, viele Stunden lang, auf der Nase hat, dem sollten ein guter Sitz und die optimale Verarbeitung wichtig sein. Und etwas wert. Billigbrillen drücken schnell, und nicht nur auf die Laune.

Fernost? Von wegen. Es passiert „umme Ecke“

Erschreckend: Piratenprodukte, Plagiate und Fälschungen stammen längst nicht mehr nur aus Fernost und ferner liefen, sondern zunehmend aus Deutschland. Wie jetzt auch beim Plagiarius – Original und Plagiat sind beide hierzulande zu Hause. „Made in Germany“ ist also kein Garant mehr für Wertschöpfung und -schätzung. Wobei sich über „made“ ja trefflich streiten lässt. Die Macher sind nun mal jene, deren Gedankengut und Entwicklungstalent darin steckt.

Plagiarius 2016, Sandra Walzer mit Meyer Brillenfassung

Merken Sie? Ich bin wütend. Vielleicht liegt das daran, dass ich selbst hauptberuflich Ideen finde. Jeden Tag auf der Suche bin nach Konzepten und den richtigen Worten. Wenn dann einer kommt, einfach meine Idee nimmt und, tadaa! Hurra! Voilà! Sie als seine verkauft – dann ist das unverschämt. Und unverzeihlich. Und am meisten daran ärgert mich, wenn es Menschen gibt, die das billigend in Kauf nehmen, weil sie billig(er) kaufen wollen.

Ein paar Zahlen, oder: warum 617 Millionen nicht „nicht so schlimm“ sind

Zunächst könnte man denken, ein paar nachgemachte Produkte, das kann großen und größten Konzernen vordergründig und auf den ersten Blick „ja nicht so weh tun“. Tut es aber. Immer wieder werden Statistiken und Zahlen veröffentlicht, die das Fürchten lehren. Nach Angaben der EU fallen durch Marken- und Produktpiraterie und alles, was damit zusammenhängt, bereits zehn Prozent des Welthandels auf Plagiate bzw. Fälschungen – ein internationaler Schaden von über 300 Milliarden Euro. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e. V. (VDMA) geht davon aus, dass zwei Drittel der Hersteller von Investitionsgütern davon betroffen sind. Die von der Europäischen Kommission im Oktober 2015 veröffentlichen Statistiken zeigen beispielsweise, dass der Zoll 2014 mehr als 95.000 Fälle verbuchte – darunter gehören auch viele „Kleinsendungen“, wohl aus Internetkäufen. Der Wert der echten Produkte, die den 35 Millionen Artikeln entsprechend, wird im Vergleich auf mehr als 617 Millionen Euro geschätzt.

Puh. 617 Millionen Euro. Also wahrlich kein „ach ja, ist doch nicht so schlimm“ mehr.

Plagiarius 2016, Meyer Brillenfassung Scharnier

Raten Sie mal: Was liegt wohl an der Spitze der beschlagnahmten Artikel, die unter dem Verdacht stehen, Schutzrechte wie Patente oder Urheberrechte zu verletzen?

Zigaretten sind’s, gefolgt von Spielzeug und Arzneimitteln. Alles wenig beruhigend, sind es doch Dinge, die entweder die eigenen Gesundheit oder die z. B. von Kindern gefährden. Gut, dass es Menschen gibt, die sich dagegen einsetzen. Auf der Plattform für Produkt- und Markenschutz produktpiraterie.org zum Beispiel werden aktuelle Informationen, Statistiken und mehr gesammelt.

Ein neues Produkt schafft kein Jahr ohne Fälschung

Ernst & Young befragte für eine im Dezember 2015 veröffentlichte Studie deutsche Unternehmer und Verbraucher zum Thema; knapp 60 Prozent der Unternehmen sehen sich danach schon im ersten Jahr (!) nach Einführung eines Produkts mit Nachahmungen konfrontiert. Jedes zehnte Unternehmen sogar im ersten Monat. Man stelle sich das mal vor. Im ersten Monat! Ich will gar nicht wissen, wie viele Monate und Jahre es bis zur jeweiligen Einführung gedauert hat. Außerdem schätzt EY die Einbußen durch Umsatzverluste und vor allem auch durch Aufwendung für die Fälschungsbekämpfung auf rund 56 Milliarden Euro jährlich. (Die verlinkten Meldungen sind auch in ihrer Gesamtheit hoch interessant zu lesen, nebenbei bemerkt.)

Jahrelang arbeiten kreative Köpfe, Designer, Handwerker, egal, jedenfalls ein Haufen Leute hart an der Entwicklung, haben Ideen und verwerfen sie wieder und wieder, verbessern, feilen, formen und bringen schließlich das Ergebnis auf den Markt. Und ein anderer, der es sich leicht machen will, macht nach. Einfach so. Da kocht mein Blut und mir geht die Hutschnur hoch. Platzt. Reißt. Ach, Sie wissen. Oder mir bricht der Brillenbügel. Suchen Sie sich eine Metapher aus.

Plagiarius 2016, Meyer Brillenbügel mit Welle Plagiarius 2016, Meyer Brillenfassung Plagiarius 2016, Meyer Brillenfassung von Sandra Walzer

Noch mal zum Schmäh-Preis. Am 16. Januar 2016 saßen die diesjährigen Jurymitglieder zusammen, um über den „Plagiarius 2016“ zu entscheiden. Drei Haupt“preise“, zwei Sonderpreise und fünf Auszeichnungen wurden insgesamt vergeben. Aus 40 Einsendungen suchten die Vertreter der unterschiedlichsten Bereiche nach dem dreistesten Plagiat, und „geschafft“ hat es diesmal also die Brillenfassung „ARLES“.

Das ist der Moment, in dem ich von ganzem Herzen dazu aufrufe: Wenn Sie Brille tragen, egal, ob eine einzige oder Zweit-, Dritt-, Viertbrille, egal, ob Sie kurz- oder weitsichtig seid, minus 10 oder minus 1,5 Dioptrien – bitte bitte achten Sie auf Qualität. Mit einer guten Fassung bewahren Sie jederzeit die Fassung. Wirklich. Glauben Sie mir. Sie drückt nicht und rutscht nicht, und wenn doch, lässt sich das beheben. Die Scharniere leiern weniger schnell aus und brechen nicht. Die Bügel bleiben in Form. Bitte. Sie sind sich das wert. Und: Es gibt gute Qualität auch bei Brillenfassungen nicht nur für die monstergroßen Geldbörsen.

Die Mär vom schwarzen Zwerg mit der goldenen Nase

Leider ist es kein Märchen. Jahr für Jahr wird die Trophäe des Plagiarius vergeben. Mich hat interessiert: Wie sieht die denn überhaupt aus? Was steht stellvertretend für besonders dreiste Plagiate? Es ist ein Zwerg. Und zwar ein schwarzer, mit goldener Nase. Schöne Metapher, verdienen sich die Nachahmer auf Kosten anderer doch eben genau selbige.

Plagiarius 2016, Trophäe Zwerg mit goldener Nase

Die Trophäe (Bildnachweis: Aktion Plagiarius e. V.)

 

Der Vollständigkeit halber sei außerdem erwähnt: Die Jury gibt allen Nominierten vor der endgültigen Wahl der Preisträger die Möglichkeit zur Stellungnahme. Auch die daraus resultierenden Reaktionen fließen in die finale Bewertung mit ein. Manche lassen sich davon in die richtige Richtung schubsen, suchen das Gespräch mit dem Hersteller des Originals oder nehmen Restbestände vom Markt. Viele allerdings äußern sich nicht. Sie werden wissen, warum.

Ach und, wer tatsächlich der Meinung ist, eine Nachahmung sei doch ein nettes Kompliment an den Hersteller: Nein. Einfach nein. Mehr sage ich dazu nicht. Sonst verliere ich endgültig die Fassung.

 

Über die Autorin

Sandra Walzer ist Fräulein mit Brille: Storyteller, Brillenbloggerin. Ich erzähle die Geschichten durch zwei Gläser gesehen und kämpfe gegen die Tücken und Flecken des Brillenträgerinnenalltags.

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