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Sandra Walzer, Fräulein Ideenfinderin

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Sandra Walzer, Fräulein Walzer mit Regenschirm auf dem Feld

Kreativität kann man nicht lernen, aber beschützen

Seien Sie bitte nett zu diesem Beitrag. Lesen Sie ihn leise, und wenn Sie mögen, mit Ihrer wertvollen Aufmerksamkeit. Hören Sie ihm zu, statt ihm sofort zu antworten. Setzen Sie sich zu ihm, trinken Sie ein Glas Holunderschorle oder eine Tasse Tee, einen Kaffee oder eben Ihr Lieblingsgetränk mit ihm. Und lassen Sie sich auf ihn ein. Er kommt nicht laut daher, er ist zurückhaltend, sensibel, scheu und schüchtern. Denn er hat einiges mitgemacht, man hat ihm ordentlich zugesetzt. Etwas zerzaust hat er sich heute ein Herz gefasst und stellt sich selbst in die große weite virtuelle Welt. Hier ist er.

Mein wohl persönlichster Blogbeitrag (bisher)

In der Schule lernen wir Deutsch, vielleicht, in der fortgeschritteneren Phase, sogar Philosophie oder Literatur (ein geliebtes Wahlfach von mir, damals, in der Zwölften). Wir versuchen, Kurven zu diskutieren (wie diskutiert man bitte Kurven? Hat sich mir nie erschlossen), E-Funktionen zum Funktionieren zu bringen, we learn to speak Englisch ou le Français, aber was wir nicht lernen: für Kreativität zu kämpfen und sie zu beschützen, Empathie und wie man sich wappnet für dieses Leben. Nun, diskutieren will ich weder Kurven noch Lehrpläne oder Zuständigkeiten von Lehrkräften und Eltern; ich will viel mehr erzählen, von mir und wie ich einst war und warum ich das heute immer noch bin, und das gern.

Die Klassenstufe weiß ich nicht mehr, auch das Fach nicht. Möglich, dass es Deutsch war, vielleicht aber auch Politik oder Gemeinschaftskunde oder wie es eben früher hieß. Die Frage lautete, welche von um die zehn an der Tafel stehenden Charaktereigenschaften wir der Hauptfigur zuordnen würden. Die Aufgabe: an die Tafel gehen, mit Kreide, ganz oldschool, einen Strich bei der unserer Meinung nach passenden Eigenschaft ziehen, zurückgehen, wieder setzen. Eine nicht sehr laute, aber dynamische Aufgabe, durch all die laufenden, strichelnden Schüler*innen. Sandra, Alter vergessen, hielt es wie so oft: Hmm, irgendwie passen alle, und ich finde, das lässt sich durchaus auch begründen, argumentieren, also strichelte ich alle. Kollektives Augenrollen und Aufstöhnen der Klasse. Ob inklusive Lehrer? Habe ich nicht mitbekommen. Möglich. Vermutlich. Es war keine Fangfrage, keine zweite Ebene, es war tatsächlich EIN Charakterzug gefragt.

Der Biologe ins Gesicht mir die Wahrheit spricht

Diese Geschichte ist nur eins von zahlreichen Beispielen, in denen ich es anders sah, verstand und interpretierte als andere. Als die meisten, genauer gesagt. Und Sie wissen es sicher, in der Schule sind nicht die einzelnen gefragt, sondern die meisten. Das machte es mir schwer. In der Klasse, in der ganzen Stufe, nein, beliebt war ich wohl nicht. Ein herzensehrlicher Klassenkamerad, heute glaube ich studierter Biologe, was mich freut, weil es sehr zu ihm passt (er brachte mir „Deine Lakaien“ näher, aber das ist eine andere Geschichte), jedenfalls: Nennen wir ihn S., und S. brachte es dann übers Herz, mir schonungslos ins Gesicht zu sagen, naja, mich möge halt niemand, weil ich ja doch so oft so seltsam war, so anders. Au. Tat weh, können Sie mir glauben. Machte die Schuljahre nicht besonders leicht, die Noten nicht besonders gut, aber es reichte zum Abi. Und es reichte, mich abzuhärten. Äußerlich. Denn was ich mir bewahrt habe, ist das Absonderliche, das Andersdenkende. Ich habe es umarmt, nie losgelassen, ihm tief in mir einen Platz eingerichtet, einen gemütlichen Ohrensessel mit Kuscheldecke, ich habe ihm Tee gebracht und einen Schal umgewickelt. Seit ich Harry Potter kenne, ist der Schal in meinem Kopf, mehrfach um meine Absurdigkeit gewickelt, dunkelrot-golden, obwohl mein eigener blau-bronze wäre, hätte ich einen. (Nein, nicht Silber, aber auch das ist eine andere Geschichte, und über die Farben und das Symbol von Ravenclaw diskutiere ich wiederum sehr gern.)

Irgendwann, über die Jahre, habe ich sie dann wieder hinausgeschickt, diese meine Charaktereigenschaft, die mir meine Schulzeit (Kinder können grausam sein) so hart gemacht hat. Und wissen Sie was? Das war gut so. Denn seit 21 Jahren darf ich sie benutzen, ja, soll das sogar, und werde dafür sogar bezahlt. Kreativität hieß es plötzlich, und war etwas Gutes. Gute Ideen zu finden, wirklich gute, nämlich die, die anders sind als alles andere, ist eine überaus geschätzte Eigenschaft. Nicht nur in der Werbung, in der ich einst meine berufliche Laufbahn begann, sondern generell. Ein Lächeln kann, will und werde ich mir nicht verkneifen, wenn ich von unzufriedenen einstigen Kamerad*innen höre, die Studien abbrachen oder Jobs kündigten, die nicht wussten wohin mit sich und hervorragenden Abschlüssen. (Nicht beim Biologiedoktor! Den mochte ich immer.) Gelächelt habe ich viel, seit damals. Nicht gehässig, nein, wer wäre ich denn. Eher schulterzuckend. Zufrieden. Und ein bisschen stolz, dass ich es geschafft habe, sie mir zu bewahren, die Abnormität. Sie ist mir mit mein wertvollstes Gut, und immer noch wickle ich ihr, wenn es kühler wird, den Schal um. Ich brauche sie noch.

Ein Seufzen zwischen den Zeilen, hören Sie’s?

Was diese Geschichte erzählt: Etwas darüber, wie wir mit Besonderen und Besonderem umgehen sollten. Zwischen den Zeilen haben Sie es gespürt, nicht wahr? Sie haben mein kleines Seufzen gehört, vor Erleichterung, aber auch ein bisschen traurig, dass es so sein musste, wie es war. Das Leben ist nicht immer einfach zu ertragen. Es kommt darauf an, wie wir mit dem umgehen, was es uns lehrt. Mich: etwas über Kreativität, über Ideen und den Kopf, in dem sie entstehen, über etwas, das weh tut und über Mut. Etwas über Wärme und Geborgenheit, Stärke und darüber, wie wichtig es ist, sich das eigene Innerste zu bewahren. Zu sein, wer man ist.

Zu lang? In kurz:

Jeder Mensch ist anders, ich auch. Das habe ich mir bewahrt, habe es versteckt vor anderen (früher) und es beizeiten wieder hervorgeholt. Heute bin ich froh darüber und lege Ihnen ans Herz: Seien Sie, wer sie wirklich sind. Ermutigen Sie Ihnen nahe Menschen, sie selbst zu sein. Geben Sie Kraft und Halt denen, für die das schwieriger ist als für andere – aber lassen Sie sie ihren eigenen Kampf kämpfen. Oh und: Finden Sie heraus, welche Farben Ihr Schal hat.

Über die Autorin

Sandra Walzer ist Fräulein Walzer: Storyteller und Selbstmarkenninja. Brillenbloggerin. Fußballautorin. Ich schreibe privat seit etwa 30 Jahren, texte beruflich seit 1997 und bin selbstständig seit 2010.

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