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Erfrischendes Schweden

„Du sag mal, weißt Du, wie man diesen Ort in Schweden schreibt, an dem wir im Urlaub waren, damals? Wie man ihn ausspricht, weiß ich.“ WhatsApp-Kommunikation mit Mama, als ich an diesen Artikel gehe und mir bei Google Maps einen Wolf bzw. Elch suche. Irgendwo in der Nähe von Göteborg, ja, aber Schweden ist groß, hat viele Wälder und irgendwie drehe ich mich im Kreis, was mich verdammt an damals erinnert.

Komm, wir scheißen auf die Dosen

Kindheitserinnerungen, Folge 2

Warning: This blogpost contains explicit language. Aber ist jetzt eh schon egal, weil: zu spät. Haben sie ja oben schon gelesen. Und ist auch gar nicht so gemeint, wie es da steht, denn deutsche Sprache ist eine schwere Sprache, für Schweden zum Beispiel. Die Jungs, Cousin T. und Cousin C. und die Schweden, deren Namen ich vergessen habe, hatten nämlich ein Ziel. Mehrere Ziele, um genau zu sein. Dosen. Sie wollten Dosen treffen, ich weiß nicht mal mehr, mit was. Steinschleudern? Pfeil und Bogen? Gewehre? Vergessen. Was ich aber in diesem meinen Leben niemals mehr vergessen werde, ist, wie die Schwedenjungs die deutschen Jungs abholten und immerzu riefen, „Kommt, wir scheißen auf die Dosen!“ und wir alle lachten, weil der Buchstabendreher gar zu komisch war.

Kinderfoto von Sandra Walzer in Schweden mit Golden Retriever Kinderfoto von Sandra Walzer in Schweden mit Blockhaus

Wie der Hund hieß, weiß ich übrigens sehr wohl noch. Malte. Golden Retriever. Es war Bullerbü und Saltkrokan in einem, wir Kinder streiften (striffen?) von morgens bis abends durch den Wald und den Garten, weil da absolut nichts und niemand war außer freier Natur. Nicht mal Elche, obwohl wir so sehr Ausschau hielten. Wissen Sie, das ist so viele Jahre her, aber an die Auffahrt zum Hof erinnere ich mich noch ganz genau. Wie im Buch, auf den Hörspielkassetten meiner Freundin, im Film, so, wie es sein sollte: Kiesweg mit hellgrauen und weißen kleinen Kieselsteinen, das rote Haus, ach, was schreib ich Haus, Anwesen! Oder male ich das jetzt in meinem Kopf rot? Aber Anwesen, das auf jeden Fall, und dort durften wir hofieren, zwei Sommerferienwochen lang. Katzen, Wald, Sonne, Licht, Glück. Cousine N. und ich, kichernd Geheimnisse teilend, das schwedische bunte Buch mit den Katzenbildern zum Zählenlernen, Kan du räkna till tio? Der einzige Satz, den ich auf Schwedisch beherrsche; den aber perfekt und wohl ebenfalls bis an mein Lebensende. Was man sich so alles merken kann …

Etwa eine Million Stunden im Auto, mindestens eine davon im Kreis

Das war der perfekte Urlaub. Er schien nie enden zu wollen, und vielleicht bin ich sogar immer noch dort und träume das alles hier nur. (Was schade wäre, nebenbei bemerkt.) An die Rückfahrt kann ich mich nämlich nicht erinnern. An die Hinfahrt aber sehr wohl, im Auto, anders ging’s nicht mit uns allen und dem ganzen Gepäck. Ich weiß nicht mehr, wie lange, aber Sie können sich’s ausrechnen, es sind über 2.500 km. Zweitausendfünfhundert. Eine Strecke. Mir war zwischendurch übel, aber irgendwann passierten wir die schwedische Grenze, ich hatte nicht mehr daran geglaubt. Jetzt konnte es ja nicht mehr lange dauern. Oder? Haha!

Schweden haben Sie ungefähr im Kopf, ja? 75 Prozent der Landfläche Schwedens sind von Wald bedeckt. Und irgendwo in einem dieser Wälder sollte, so die Karte (aus Papier, die Älteren unter uns erinnern sich dunkel) und unsere Wegbeschreibung, die Route zu unserem Ziel führen. Bitte wenden. Wir wendeten nicht, wir fuhren im Kreis. Bis wir jeden Baum einzeln und mit Namen kannten. Weil wir uns nicht vorstellen konnten, „dass da noch was kommt“. Es kam aber doch etwas, als wir uns irgendwann trauten: die Auffahrt mit den weißen Kieseln. Das Paradies.

Urlaub an einem Ort, den es nicht gibt (und es ist nicht Bielefeld)

Der Ort heißt Rörbäcken. Wie man ihn schreibt, wusste ich nicht – darum ja die WhatsApp an Mama. Wie man ihn ausspricht, auch das gehört zur Kategorie „vergesse ich bis an mein Lebensende nicht“. Wie vor allem Papa das ausspricht, mit diesem Elan, so kann das keiner. Nur Papa. Übrigens, Mamas Antwort: Ohje, da muss ich Papa fragen. Ich musste lachen. Wir lachen alle immer, wenn die Sprache auf Schweden kommt. Schweden kann unsere Familie nicht in die Mund nehmen, ohne RÖÖÖÖRBÄÄÄÄCKÄÄÄÄN zu intonieren. Ich liebe das. Ich finde ihn nur nicht. Gibt es diesen Ort überhaupt? Gab es jenen Urlaub? Habe ich mir das alles nur ausgemalt? Ich hatte Rörbäcken irgendwie in der Nähe von Göteborg im Sinn, hm. Mal sehen, ob ich wenigstens die Familienverhältnisse und Hintergründe erklärt kriege. Versuchen wir’s. Die Schwester meiner Mutter, meine Tante (sehr richtig, Sie können mir also noch folgen), lebte als Kind einige Jahre in Schweden. In, na? RÖÖÖÖÖRBÄÄÄÄCKÄÄÄÄN. Warumwiesoweshalb lasse ich beiseite, aber: Sie wünschte sich Anfang der 80er Jahre, ihre einstige Zweitfamilie noch mal zu besuchen. Mit uns allen im Schlepptau.

Ob es davor ein Wiedersehen gegeben hatte, ist mir nicht bewusst, ich glaube aber nicht. Das macht es noch ein bisschen emotionaler und noch perfekter, obwohl wir Kinder die Tragweite nicht in Gänze erfassen konnten, logisch. Wenn ich heute darüber nachdenke, bekomme ich Gänsehaut. Das muss irrsinnig aufregend gewesen sein. Also machten wir uns auf den langen Weg, die Gasteltern hatten uns ein Ferienhaus organisiert, besagtes eben. Sie selbst wohnten in der Nähe (oder was man halt so „Nähe“ nennt in Schweden). Übrigens: Die beste Tante von allen hat, halten Sie sich fest, DIE WEGBESCHREIBUNG NOCH. Die Originalwegbeschreibung. THE Wegbeschreibung. Ich flippe aus.

Schweden, Wegbeschreibung bei Fräulein Walzer

The Wegbeschreibung

Schweden Ferienhaus bei Fräulein Walzer

The Ferienhaus (und ja, es war rot, siehe Beweisfotos oben)

Jetzt weiß ich nämlich auch, dass sich Rörbäcken schreibt, wie Sie es hier lesen, und dass es nicht mal im Ansatz in der Nähe von Göteborg ist. Sondern in Nordschweden, fast an der finnischen Grenze, im schwedischen Nichts. Gucken Sie sich das mal auf Google Maps an: Rörbäcken, 95592 Schweden. Ich könnte wetten, das Haus ist das eine am Ende des Weges, der vom Rörbäcksvägen abbiegt. Kein Wunder haben wir das nicht gefunden. Dass das Haus tatsächlich rot war, wie in meiner Erinnerung, habe ich mir eben noch schnell bestätigen lassen.

Zwei unvergessliche Wochen, ein unvergesslicher Ortsname und ein (un)verzeihlicher Fluch

Was ich außerdem noch im Kopf habe, ist, dass der Sohn der Tantengasteltern Künstler war und eine Galerie in Göteborg hatte. Oder der Mann der Tochter? Ja, so herum, glaube ich. Einige seiner Bilder habe ich vor Augen, Mama, sag, waren das Bleistiftzeichnungen? Schön waren sie, jedenfalls, ich bin mir sicher, dass ich sie mochte. Hatten wir nicht eins davon zu Hause hängen? Der schwedische Maler, der Hof, die Dosen. Und die Eisenstange. Die fiel mir auf die Finger, aua, Papa völlig entsetzt, aber das gehört halt dazu, da draußen im Nirgendwo beim Abenteuererleben. Ich weinte, er fluchte lauthals, aber dort in Schweden geht die Zeit anders, Schlimmes war schnell vergessen, Schönes dehnte sich aus. Es war ein bisschen wie Harry Potter im Fuchsbau, für die Eingeweihten, für alle anderen: perfekt eben. Familie, Fröhlichkeit, Leichtigkeit, Lust am Leben.

Blaubeeren im Fundbüro von Fräulein Walzer Holzbrücke am Bach im Fundbüro von Fräulein Walzer Wasser und Steine im Fundbüro von Fräulein Walzer Ruderboote am See im Fundbüro von Fräulein Walzer

Lust auf Schweden: Die habe ich seit damals. Jedes Jahr denke ich, dass ich gerne noch einmal in den schwedischen Wald fahren würde. Oder fliegen, eine Million Stunden im Auto müssen nicht sein. Andererseits – wie komme ich dann vom Flughafen nach RÖÖÖ… na gut, ich höre schon auf. Ich weiß ja nicht mal, ob es den Hof noch gibt, wer dort jetzt wohnt, wo die Kinder geblieben sind, die genauso wenig noch Kinder sind wie N. und T. und C. und ich. Geblieben sind der schwedische Satz und die Erinnerung an eine herrliche großartige Zeit außerhalb der Zeit, einen Ort außerhalb der Welt. So frisch, als sei es erst letzten Sommer gewesen.

Viele Jahre später habe ich Elche gesammelt, vielleicht, weil wir damals keinen echten gesehen haben und auf dem Rückweg – ernsthaft – in den Zoo nach Göteborg sind, um dort noch einen zu Gesicht zu kriegen. Heute ist die Sammlung aufgelöst, aber im Herzen trage ich sie, die Ex-Elch-Sammlung, die Katzen auf dem Buch, jeden Baum, die Kieselsteine, sogar die Eisenstange und natürlich wie Papa Rörbäcken sagt.

Kornblumen bzw. Wegwarten am Wegrand am Feld Kornblume in der Dämmerung im Fundbüro von Fräulein Walzer

Über die Autorin

Fräulein Walzer, Storyteller. Gute Geschichten erzähle ich als Texterin und Konzeptionerin, Trainerin und Coach, Brillenbloggerin und Fußballautorin – privat seit etwa 30 Jahren, beruflich seit 1997, selbstständig seit 2010.

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