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Sandra Walzer, Fräulein Ideenfinderin

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Nordseestrand bei Ebbe im Fundbüro von Fräulein Walzer

Erfrischung am Deich

Eine Geschichte, die längst verjährt sein müsste, das aber nicht ist, und das ist gut so. Eine Geschichte über Minigolf und maximale Liebe zu einem Landstrich hoch droben.

Die gewonnene, zerronnene Salami

(Kindheitserinnerungen, Folge 1)

Dort oben hat mich ein Pferd gebissen und die See gefangen, die Ziege hat mich das Fürchten gelehrt, die rote Grütze glücklich gemacht. Amrum war viel zu sandig und die Ausflüge dorthin doch so wunderschön, das Foto von der Fährfahrt Richtung Föhr (oder Amrum? Oder Sylt?) ist eines meiner liebsten, obwohl ich mich an die Überfahrt nicht mehr erinnere. Aber an die Katzen! Die ich gefüttert habe, aus der kleinen Schale, in meiner Lieblingshose mit Flicken drauf. Flicken, heute „Patches“, liebe ich bis heute. Und den Norden, Dagebüll, den alten Bauernhof, die liebe ich auch und für immer.

Nordsee Strand Möwe im Fundbüro von Fräulein Sandra Walzer

Muschel am Nordseestrand im Fundbüro von Fräulein Walzer

Schon oft habe ich mich gefragt, ob einen diese Eltern-Kind-Urlaubsdestinationen wirklich so fürs Leben prägen und ob das im Sauerland oder in Frankreich auch so gewesen wäre. Wir waren auch immer mal wieder in Spanien, Rosas, Costa Brava, da erinnere ich mich an Ameisen, viel zu heißen Sand und Fresas con Nata (verrückt, was sich das Hirn merkt) und wie Papa die aussprach und auch das waren schöne Urlaube, aber sie waren nicht an der Nordsee und ich bin mit Spanien heute nicht besonders verbunden. Nur mit dem Norden. Mit dem auf Lebenszeit.

Mein Piratenboot: ein roter BMW mit Bettdecke

Und meine Schatzinsel der Deich. Waren vermehrt Kühe zu sehen, war das Ziel fast erreicht. War das kühle Meer zu sehen, waren wir sowas wie zu Hause. Im zweiten Zuhause. Immer Sommerzuhause. Wo es etwas geschenkt gab, als wir zum fünften Mal da waren, Stammgäste, ja, das waren wir. Und bis heute fühlt es sich an, als reiche ein Stück Wurzel von mir quer durch Deutschland bis in den Oosewoldterkog. Googlemappen Sie das ruhig. Am Bahnübergang stand Blocksberg, in der Nähe der Minigolfplatz (Ort vieler Fräulein’scher Niederlagen, ach je), an der Straßenecke stand die Kneipe (mit den Stühlen, von denen ich Ihnen unbedingt später noch erzählen muss), und ich stand so oft am Meer, so oft, und das fuhr mitten rein ins Herz.

Nordsee, Dagebüll, Osewoldter Kog im Fundbüro von Fräulein Walzer

Nordsee, St. Peter-Ording, Strandkörbe im Fundbüro von Fräulein Walzer

Überhaupt, in Urlaub fahren. Was für ein Abenteuer! Mitten in der Nacht ging’s los, mit dem Auto, und wir wollten nicht in die Hitze kommen, im alten roten BMW mit Kurbelfenstern und ohne Klimaanlage. Das war immer so sehr aufregend, ich liebte das und konnte kaum schlafen. Zu Hause, im Bett. Sobald ich dann mein Kissen von zu Hause, aus meinem Bett, im Auto hatte, und die Decke von zu Hause, aus meinem Bett, ja, da konnte ich schlafen. Selig. Ich weiß bis heute, wie sich das anfühlt, und wie es riecht, mein Bettzeug im BMW, diese besondere Mischung.

Bis heute weiß ich außerdem, dass ich fast mal eine Salami gewonnen hätte

Genau genommen HABE ich sie gewonnen, eines schönen Tages, nur war gewonnen am nächsten Morgen zerronnen, weil Mama und Papa und die anderen Erwachsenen am Abend zuvor, am Tag meines Triumphes, noch Hunger hatten. Stellen Sie sich das bitte einmal vor! Klein Sandra hatte beim Schätzspiel gewonnen, wie viel Liter Milch gibt die Kuh, deren Namen ich leider vergessen habe, Kuhdung auf mein Haupt, und ich war am nächsten dran und gewann. Eine Riesensalami. Den Traum einer Salami. Eine Salamitrophäe, quasi, und ja, ich mochte und mag Salami und ja, Mama und Papa wussten das sehr wohl. Was sie nicht wussten, oder billigend in Kauf genommen haben, war, dass ihre Tochter sehr nachtragend sein kann. Denn in der Tat nehme ich ihnen das verdammichnochmal bis heute übel, meine Trophäensalami vernichtet zu haben, bevor ich auch nur ein Zipfelchen davon hatte.

Das Übelnehmen wird allerdings getilgt und weit übertroffen von meiner Dankbarkeit. Danke, dass ich meine Sommer, drei Wochen, die Hälfte der endlosen Sommerferien, im Norden verbringen durfte. Dass Urlaub so sehr oft Nordsee, Dagebüll, Bauernhof hieß. Wo die Schweine glücklich waren und ich noch mehr und wo die Pferde manchmal unfreundlich waren und die Ziege zickig und der Wind heftig und das Essen immer so gut und wo wir auf dem Fahrrad im strömenden Regen bei Gegenwind „I’m singing in the rain“ brüllten.

Und dann die Stühle

Ach ja, ich wollte Ihnen ja noch von den Stühlen erzählen. Da in der Kneipe, in der es, kam man nach der langen Fahrt abends an, nie etwas zu essen gab, aber dann doch, Spiegelei und Bratkartoffeln, und wo es jene Stühle gab, die meine Eltern, passionierte Flohmarktgänger, unbedingt haben wollten. Allein, alles Verhandlungsgeschick meiner Mutter – und das, hören Sie gut her, ist legendär –, es reichte nicht. Die Stühle blieben, wo sie waren, ein ums andere Jahr. Wahrscheinlich hätten sie auch ihren Zauber verloren, wären sie bei uns zu Hause gestanden. Der Zauber des Nichthabenkönnens ist ein fragiler. Ob es die Kneipe heute noch gibt? Ich weiß es nicht.

Nordsee, Dagebüll, To olen Slüüs im Fundbüro von Fräulein Walzer

Nordsee, Dagebüll, Fähre nach Amrum mit Sandra Walzer im Fundbüro von Fräulein Walzer

Vielleicht sollte ich mal fragen, der guten alten Zeiten willen, und ob die Stühle nicht doch …? Oder wenigstens einer? Drüben, gegenüber, andere Seite der Kurve, To olen Slüüs, den gibt’s noch, und dort war der Fisch immer so gut. Auf dem Parkplatz klemmte ich mir mal den Finger in der Autotür, ja, ich weiß, ich war tollpatschig als Kind. Heute habe ich meine Hände besser im Griff, klemme nichts und werde auch nicht mehr von Pferden gebissen. Wie hieß die Kneipe noch mal? Ich hab’s vergessen. Schade. Das wäre eine Überraschung gewesen, hm, Mama? Die Stühle zum Geburtstag. Ich hätt’s gern versucht, aber das Internet sagt, es gibt dort keine Kneipe mehr. Den Minigolfplatz auch nicht mehr, nur olen Slüüs ist noch da, und der Bauernhof, das finde ich tröstlich.

Wie Papa immer den Namen der Pensionswirtin ausspricht, oder Bauernhofführerin, oder wie heißt das denn? Die Chefin eben, die die rote Grütze servierte, und noch irgendwas anderes Typisches, keine Ahnung mehr. Ich weiß nur noch, wie wir mit der verdünnten Milch ums Haus verschwanden, die Katzen, Sie wissen ja.

Die Liebe zum Plattland ist unauslöschlich

Was waren wir glücklich, da o … Olsen! Hieß sie Olsen, die Kneipe? Könnte sein, weil ich mit Olen Slüüs immer durcheinander kam. Das Internet weiß es nicht, weil es das Internet da noch nicht gab. Olsens Stühle, ach, das wäre schön. Und die Salami. Ich geh mal eben ein Brot essen. Käsebrot; Salami habe ich keine – scheint sich durchzuziehen. Auch keine Krabben, weil die nur frisch gepult auf der Bank hinterm Haus so richtig gut schmeckten und ich keine in Plastik aus dem Supermarkt mag. Käsebrot also. Auf das Leben, auf das Plattland und auf den Oosewoldterkog.

Nordsee Strand mit Muschel im Fundbüro von Fräulein Walzer

Nordsee Strand bei Ebbe im Fundbüro von Fräulein Walzer

Über die Autorin

Fräulein Walzer, Storyteller. Gute Geschichten erzähle ich als Texterin und Konzeptionerin, Trainerin und Coach, Brillenbloggerin und Fußballautorin – privat seit etwa 30 Jahren, beruflich seit 1997, selbstständig seit 2010.

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