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Sandra Walzer, Fräulein Ideenfinderin

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BÄNG! Big, big bang

Am 14. März starb Stephen Hawking. Eine Nachricht, die mich und sehr viele andere sehr traurig gemacht hat. Mit ihm starb ein Genie, ein brillanter Denker, Astrophysiker und vielleicht der berühmteste Physiker der Welt, Inhaber des Lucasischen Lehrstuhls für Mathematik an der Universität Cambridge, Buchautor und nicht zuletzt auch TV-Mann.

Hawking, der Held

Seine Arbeiten zu Kosmologie, zur Allgemeinen Relativitätstheorie und Schwarzen Löchern, zum Ursprung des Universums und zu Dingen, die fern menschlicher bzw. fräulein’scher Vorstellungskraft liegen, haben weltweite Anerkennung gewonnen.

Weltruhm und Weltraum

1963 wurde bei Hawking ALS diagnostiziert. Die düstere Aussicht: nur noch wenige Jahre, vielleicht zwei. Und Hawking? Ließ sich davon nicht einschüchtern. Auch wenn die Fortbewegung ab 1968 mit Rollstuhl deutlich besser gelang als ohne, er 1985 die Fähigkeit, selbst zu sprechen, verlor. Stattdessen im Einsatz: ein Sprachcomputer. Und vielleicht hat man ihn so am ehesten vor Augen, Kopf schräg, Brille, lächelnd, mit dem Bildschirm vor sich im Rollstuhl und dem Verstand so weit voraus, dass ich nur selten wirklich folgen konnte. Aber ich habe es versucht, immer wieder, und das gern. Denn kaum jemand brennt, finde ich, so sehr für „seine“ Themen, für das Universum und seinen Ursprung, für die Relativitätstheorie und den Big Bang, für all das, was die Welt im Innersten zusammenhält und weit draußen präsentiert. Brannte, sollte ich wohl sagen. Denn dieser Welt ist ein Stück dessen, was sie gut gemacht hat, verloren gegangen.

Stephen Hawking und der Weltraum im Fundbüro von Fräulein Ideenfinderin

Man mag glauben, dass er irgendwo da oben, wo immer das ist, jetzt mit Einstein highfivt, weil der eben recht hatte und Hawking das endlich belegen konnte. Irgendwie freut es mich tief in meinem Innern, dass Stephen Hawking im Rahmen eines Parabelflugs 2007 die Chance bekam, am eigenen Leib zu erfahren, wie sich Schwerelosigkeit anfühlt. Wenn irgendjemand in ein Fundbüro mit dem Thema „SCHWERELOS“ passt, dann der Mann, der mit seinen faszinierenden Fakten zum Weltraum (und mehr) Weltruhm erlangte.

Diese Informationen sind ohne Gewähr

Falls hier Experten, Physiker, Mathematiker und Halbeinsteins mitlesen: Ich übernehme keine Gewähr. Das alles hier ist, wie ich das verstehe oder versuche zu verstehen, wie es auf mich wirkt und wie ich es in meinen Worten wiedergeben kann. Ok? Ok. Nobelpreise gibt’s hier keine, dafür bitte nach Schweden wenden. Ich wende mich unterdessen wieder Mr. Hawking zu. Dem hat man, unter anderem, mit „Hawking – Die Suche nach dem Anfang der Zeit“ ein filmisches Denkmal gesetzt. Schon 2004. Mir war das Werk entgangen, vielleicht habe ich zu viele Dokumentationen über schwarze Löcher und andere Geheimnisse des Universums angeschaut, da war kein Platz für einen Film über den Mann, der mir Zeitreisen und Supernovae näherbrachte. Jetzt, da er selbst ein schwarzes Loch hinterlassen hat, war Platz, war Zeit. Seinen Tod nahmen viele zum Anlass, Dokus über ihn und mit ihm zu zeigen, und eben auch jene von der BBC produzierte Filmbiografie.

Chapeau, Cumberbatch

Wie der von mir höchst geschätzte Benedict Cumberbatch die britische Legende darstellt, ist mir einen lauten Applaus wert. Habe ich auch, laut applaudiert, vielleicht, um meinen leisen Seufzer und den Schluchzer am Schluss zu übertönen. Ich kann Ihnen nicht mal im Ansatz erklären, was Hawking in seinem Leben alles herausgefunden und an was er geforscht hat. Der Film bringt das sowieso viel besser zur Geltung. Allein die Szene am Bahnhof, als Hawking über rückwärts laufende Zeit nachdenkt (war das so? Irgendwie war „rückwärts“ jedenfalls der Schlüssel zu allem), sich aus dem zum Glück noch stehenden Zug stürzt und seinen Geistesblitz mit Kreide auf den Boden skizziert, wow. Wow. WOW. Was für ein Gefühl das gewesen sein muss. Einmal, nur einmal im Leben einen solchen Aha-Moment haben. Allein, Mathematik und Physik und Chemie blieben mir immer verschlossen. Ersteres mit Ach und Krach durchs Abi gerettet, die beiden letzteren nach der Elften mit Fünf abgewählt, Asche auf mein Haupt, oder ein bisschen Sternenstaub. Aber Augenblick mal, genau genommen kenne ich diese Momente! Ja! Ich kenne sie sogar gut, auch wenn sie so selten und kostbar sind, aber doch, ich hatte sie schon.

Denn wer Ideen sucht, wer die eine wirklich gute, großartige, grandiose Idee sucht für ein Konzept, einen Radiospot, den Blogartikel, eine Imagebroschüre, und wer sie findet, diese Idee, ja, der weiß, wie sich Stephen Hawking auf dem Bahnhof gefühlt hat. Wenn du merkst, die Idee funktioniert, weil sie immer größer wird und sich ausbreitet, sich entfaltet, den Raum füllt, den Raum regelrecht ergreift, sich ihren Weg bahnt, dann, ja, dann ist das so wie die Zeit, die rückwärts läuft, wenn die Implosion zur Explosion wird und der Big Bang in den Bereich des Möglichen rückt. Mein Big Bang ist, wenn ich weiß, dass eine Idee funktioniert, eine Überschrift brilliert, eine Formulierung fasziniert.

Stephen Hawking und das Universum im Fundbüro von Fräulein Ideenfinderin

Und der Nachhall, Mister Hawking? Der Nachhall? Den gibt es. Auch im Text. Den gibt es, ich weiß das, und manchmal ist er mehr als nur drei Grad wärmer als der Rest. (Gucken Sie den Film.) Man kann ihn vielleicht nicht aufzeichnen und keinen Nobelpreis damit gewinnen, aber es gibt ihn. Wer diese Wärme mal gespürt hat, braucht kein Tonband, keinen Beweis. Guter Text hallt immer nach, im Bauch, im Herz, im Kopf. So gesehen ist Texten eine Supernova, oder zumindest ein hell leuchtender Stern. Mein heller Stern. Wie wunderbar das ist, wenn die Buchstaben sich zu Wörtern sich zu Sätzen sich zum Text harmonisch zusammenfügen.

Texten ist also (fast) Physik

Irgendwie ist ja alles Physik. Auf jeden Fall ist Texten etwas, das ebenfalls mit Kreide auf Asphalt funktioniert, immerhin. Theoretisch zumindest, aber Theoretiker waren sie ja alle, Eistein, Hawking, Penrose, Arno Penzias und Robert W. Wilson, die beiden Nobelpreisträger von 1978, die im Film immer wieder in Einklinkern am Abend der Preisverleihung gezeigt werden; herrliche Szenen übrigens, wie sich beide immer wieder gegenseitig ihre Sätze vollenden.

Der Nachhall, der keine Taubenkacke war

Bekommen haben Penzias und Wilson den Physik-Nobelpreis gemeinsam für die Entdeckung der kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung. Klingt reichlich kompliziert, nicht wahr, aber im Film wird es plötzlich ganz einfach, da wird es zum Nachhall, zum Echo, zu einem hörbaren Rauschen, zu dem, was mich unendlich fesselt. Gucken Sie das an. Gänsehaut. Tipp: Lassen Sie sich nicht abschrecken oder verwirren von den beiden. Am Schluss werden Sie verstehen. Auch, warum das mit der Taubenkacke in der Zwischenüberschrift steht. (Die beiden dachten erst, Taubenhinterlassenschaften seien schuld an ihren Messwerten der Hintergrundstrahlung. Waren sie aber nicht. War eben – Mikrowellen-Hintergrundstrahlung.)

Apropos verwirrend – das ist dieser Text womöglich auch für Sie. Kann ich mir gut vorstellen, vor allem, wenn Sie die „Suche nach dem Anfang der Zeit“ noch nicht gesehen haben. Ich kann nur nicht anders, mich hat dieser Film mindestens so atemlos zurückgelassen, wie es Stephen Hawking oft mit seinen Dokumentationen tat. Strahlende Sterne, schwarze Löcher, dunkle Materie, Supernovae, Heliumschalenbrennen, kollidierende Galaxien, das alles ist so … so … SO! Wer behauptet, wir würden nur ins All fliegen, um eine Ausweichmöglichkeit für die Erde zu finden, die wir selbst kaputt machen, der hat sich nie damit beschäftigt. Da draußen ist so viel mehr. Es hilft uns, zu verstehen. Wer wir sind, woher wir kommen, was in uns liegt und wie das alles sein kann. Was einst war. Was vielleicht irgendwann sein wird. Wer weiß das schon … Nichts ist sicher, und ich bin kein Wissenschaftler, dazu kullere ich viel zu verknotet über die Yogamatte, lese, was Osho über Mut sagt, mag bunte Einhörner und glaube an positive Energien, die nichts mit Protonen zu tun haben. Aber ich habe Respekt vor Mister Hawking und all jenen Denkern und Neugierigen, die mehr wissen wollten und wollen. Und, nun, es waren Ärzte, Wissenschaftler also, die Hawking nur noch zwei Jahre gaben. Er machte so viel mehr draus. Wer weiß schon, was möglich ist.

Die Antwort auf eine Frage, die Sie sich bestimmt auch schon gestellt haben

Oben habe ich Stephen Hawking als Physiker und Autor und all solche Dinge beschrieben, eine Liste, die sogar noch länger hätte sein müssen. Hätte, hätte. Hätte ich mal früher auf seine Website geguckt. Die schreiben es viel besser als ich: Cosmologist, space traveller and hero. Wie wunderbar das klingt, und wie wahr. Wissen Sie, da gibt es doch diese Frage, „Wenn es möglich wäre, unabhängig von Zeit und Raum, wen würden Sie gern einmal kennenlernen?“ Lange konnte ich die gar nicht beantworten, dann habe ich sie insgeheim mit Elvis, J. R. R. Tolkien, Opa, David Bowie, Buzz Aldrin, Helena Bonham Carter und Lady Gaga beantwortet. Ich glaube, nein, ich weiß, Mister Hawking kommt sehr weit oben auf meinen Zettel. Und wenn ich ihm dann die Hand schüttle, will ich wissen, wie das auf dem Bahnhof genau war.

Stephen Hawking und die Planeten im Fundbüro von Fräulein Ideenfinderin

Die Atemlos-Zitate aus dem Film:

„If you are right – which you’re not –, there should be some leftover radiation from the big bang, and somebody should have heard it.“

„Where’s the fossil, Hawking? Where’s the fossil?“

„It’s everywhere, it’s all around us“ (über die Mikrowellen-Hintergrundstrahlung)

„The leftover heat from the big bang, the 3 degrees that hasn’t cooled yet.“

 

Mehr lesen und gucken

Bücher von, über und mit Stephen Hawking gibt es hier und hier.

In der Antarktis wachsen Radieschen – als Übung für die Marsmission

Osho, Mut (für aufmerksame Leser)

Liste aller Nobelpreisträger

Warum Hawking so fasziniert

Das manchmal sehr einsame Genie

Der ganze Film

„BANG!“

Hawkings Parabelflug

Wie toll: Es gibt ein Institut für Theoretische Astronomie in Cambridge, offiziell Institute of Astronomy. Wie groß das klingt. Wie unerreichbar das für mich war, ist und sein wird.

Über die Autorin

Sandra Walzer ist Fräulein Walzer: freie Texterin, Konzeptionistin und Selbstmarkenexpertin. Und Brillenbloggerin. Und Fußballautorin. Ich schreibe privat seit etwa 30 Jahren, texte beruflich seit 1997 und bin selbstständig seit 2010.

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