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Sandra Walzer, Fräulein Ideenfinderin

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Astronomie im Abi

Was mein Abitur mit Harry Potter und Einstein zu tun hat, lesen Sie in dieser wahren Geschichte, die außerdem sehr viel sehr Peinliches der sehr jungen Sandra (bildlich) offenbart.

Wie null Punkte so richtig glücklich machen können

Physik mit 5 abgewählt, Astronomie im zweiten Halbjahr ad acta gelegt, Mathe mit gleichbleibend schlechter Leistung bis ins Abi durchgeschleppt, klingt alles nicht sonderlich erfolgreich. Und die 0 Punkte in Astronomie, die da im Abizeugnis stehen, nein, die finde ich nicht so richtig super. Dennoch: Ich stehe zu meiner Entscheidung, und ich stehe dazu, eine Null zu sein, was den Sternenhimmel und das Abitur 1996 angeht. Wie ich zur Null wurde? Das kam so.

Während der elften Klasse ging’s los mit Angebot und Auswahl der Fächer für die Oberstufe. Aufregend. Leistungskurse, Grundkurse, Wahlfächer, auf einmal wurde Schule wenigstens ein bisschen so, wie ich mir das eine Dekade lang gewünscht hatte. Plötzlich wählen können, nach dem, was man gut kann und was man überhaupt nicht kann, was man mag, was einen interessiert, was vielleicht für später möglicherweise eventuell interessant und wichtig sein könnte und ach, das war nicht einfach, aber es war trotzdem schön. Ich erinnere mich an das Gefühl – endlich mal die Wahl zu haben. Schade, dass sich das alles schnell relativierte. Denn den Deutsch-LK, den ich so gern belegt hätte, übernahm ein Lehrer, mit dem ich seit der Fünften auf Kriegsfuß stand.

Und heute noch stehe, denn ja, in diesem Fall bin ich nachtragend und nehme ihm, seit ich erwachsen bin und einschätzen kann, wie das damals ablief, ziemlich krumm, was da passierte. Langen Satzes kurzes Fazit: Klassenarbeit, Aufsatz. Ich schrieb fünf Seiten, oder jedenfalls ziemlich viele, hatte ein gutes Gefühl. Wir bekamen die Arbeiten zurück, wie üblich: „Was hast Du?“ „Und Du?!“ Noten werden ausgetauscht, Enttäuschung und Erfolg so nah beieinander. Bei mir: keine Note unterm Aufsatz. Bitte?

Altes Mäppchen noch vor dem Abitur 1996 von Sandra Walzer, Fräulein Ideenfinderin

Kapierte ich nicht. „Was hastn Du, Sandra?“ – „Nichts.“ – „Ach komm, jetzt stell Dich nicht so an!“ – „Nee, echt, nix.“ – „Boah bist Du blöd …“ Kinder können gemein sein. Jedenfalls, tatsächlich stand da nichts, und so ging ich reichlich verwirrt zu jenem Lehrer, der dafür verantwortlich zeichnete. Seine Antwort: Es sei eine 6. Oder eine 5? Ich weiß ausgerechnet das nicht mehr; absurd schlecht jedenfalls, ich fiel aus allen Wolken. Das Thema hätte ich verfehlt, komplett daran vorbei geschrieben, lalala. Jung und unerfahren wie ich war, nahm ich das wie vor den Kopf gestoßen zur Kenntnis, völlig neben mir für eine ganze Weile. Können Sie sich vielleicht vorstellen.

Später erfuhr ich: Hätte er nicht machen dürfen. Hätte mir nur bei leeren Seiten ein Ungenügend geben dürfen; beim verfehlten Thema maximal Ausreichend. Egal. War zu spät. Viel zu spät. Aber bis heute trage ich das mit mir und habe ihm das nicht verziehen. Seltsam, ich bin sonst nicht nachtragend.

Dieser Lehrer nun: Er sollte den Leistungskurs übernehmen. Für mich ein Ding der Ummöglichkeit. Deutsch gestrichen, zum feststehenden Englisch-LK einen Ersatz gesucht und bei Biologie gelandet. Einen Tipp: Machen Sie das nicht, oder sagen Sie Ihren Kindern, dass sie das nicht machen sollen. Bio nehmen Sie bitte nur, wenn Sie das ernst meinen. Denn hui, mein lieber Schwan, das war eine anspruchsvolle Zeit und ziemliche Herausforderung.

Gerüchte im Schulflurfunk

Englisch/Bio also, typische Kombi, konnte ich mit leben. Vor allem, weil ich in Biologie monströses Glück mit der Lehrkraft (Beste!) hatte und auch in Englisch einen Volltreffer landete, mit Glück, denn es gab zwei LK, und die Chance stand 50:50, Joker oder Niete. Aber mit was kombinieren? Mathe Grundkurs musste, eine Qual, aber was durfte? Welche Wahlfächer sollen’s denn nun sein, liebe Sandra – das exotisch klingende, „Philosophie“? Oder lieber das, was Dir sowieso liegt, „Literatur“? Und was ist mit Deiner heimlichen Liebe? Traust Du Dich an „Astronomie“? Es hieß, so der Schulflurfunk, der Lehrer stehe noch nicht fest. Wenn AB, dann wenig Physik und viel Praxis und supergut; wenn XY, dann viel Physik und Theorie und uff. Der Termin rückte näher, die Entscheidung musste fallen, immer noch nichts Genaues in Sachen Lehrer. Ich wagte, und ich versagte. Beziehungsweise, ich gewann: den Zonk. XY, viel Physik, prost Mahlzeit. Sei’s drum, ich hatte gewählt, also wollte ich es durchziehen.

Neues Schuljahr, zwölfte Klasse, Oberstufe, meine Güte, sind wir erwachsen. Jaja, lachen Sie ruhig, heute lache ich auch. Die Schulbücher (der Bio-Linder, ernsthaft, wer erinnert sich? Ich weiß nicht, wie viel Kilo das Ding wog, es war gruselig), der Oberstufenraum, die wechselnden Klassenzimmer – plötzlich war alles anders. Cool. Erwachsen eben. Schüler, die Kaffee tranken und Kurse ausfallen ließen, Schüler, die Freistunden im Oberstufenraum für Pizzaeskalationen nutzten und erste Autoschlüssel, die stolz präsentiert wurden. Zum Bio-Linder kam dann auch die Sternkarte, drehbar, in Rentnerbeige–Blau, ich liebte das Ding und bereue bis heute, sie im Wahn des „Ich habe jetzt Abi und brauche das alles nicht mehr“ weggeworfen zu haben.

Mäppchen, Relikt vom Abitur 1996 von Sandra Walzer, Fräulein Ideenfinderin

Spoiler-Alarm: Sie sehen, ich habe auch mit der Null in Astronomie den Schulabschluss geschafft. Im ersten Anlauf, was ich zwischendurch bezweifelt habe. „Abi 2003“ haben wir gewitzelt, und wenn man das als Galgenhumor 1995/96 interpretiert, dann ist 2003 verdammt weit in der Zukunft. Verrückt. Auch schon wieder 15 Jahre her.

In memoriam Mäppchen

Ach du liebe Zeit. Ich hatte da so ein Gefühl, und ich habe immer noch das alte Mäppchen. Hier, das Ding, in dem man Stifte transportiert. Wie heißt das bei Ihnen? Bei mir Mäppchen. Und anno Neunziger war es natürlich ein Muss, das Ding vollzukritzeln. Dass da Michael Jackson verewigt ist, den ich sehr lange sehr vergötterte (und das heute noch tue, nur ohne Bilder ausschneiden und in ein Album kleben), klar, weiß ich. KSC auch, logo. Irgendwelche Unterschriften, „Tobi grüßt Sandra“, „KATHARINA“ (welche Katharina??), dazu „Sergej“ und „Slaven“ (von mir gekritzelt, Fußballer, in der Tat), ein Herz um 13.11.93 und „not to forget“ und es tut mir echt leid, Früher-Sandra, aber ich habe es eben doch vergessen. Passiert, wenn man über 40 ist.

Und ganz am Rand des Relikts früherer Zeiten prangt es: „ABI 06?! -> 2003“, HAHA, ich wusste es noch, ich wusst’s doch. Ein bisschen muss ich über mich selbst lachen. Welche Sorgen man hat, wenn man grade mal 18 ist. Oh, und ein STAR TREK Schriftzug prangt auch drauf, na sehen Sie, ich habe Sie nicht angelogen und kriege eine parallele Kurve zum schwerelosen Fundbüro.

Heliumschalen und Harry Potter

Diese null Astro-Punkte tun mir heute nicht mehr weh. Ganz anders als die Deutsch-Sechs. Was ich aber ein wenig bedauere, ist, dass J. K. Rowling Harry Potter zu spät geschrieben hat. Und ich erst vom Astronomieturm gelesen habe, als ich mein Wahlfach schon lange habe sausen lassen. Wer weiß? Vielleicht hätte das noch was gerettet. Mit einem Zentauren als Lehrer auf jeden Fall. Heute muss mir Harald Lesch erklären, was Heliumschalen sind und warum sie brennen. Der erste HP-Band erschien 1997, ein Jahr nach meinem Abi. Und wo grade Ostern 2018 war: Jetzt ist mein Abi schon 22 Jahre alt, also älter, als ich zu den Prüfungen war. So weit kann ich sogar mit mageren vier Punkten im Mathe rechnen, und sollte da jetzt doch noch ein Fehler drin sein, auch egal, werde ich meinem Ruf zumindest gerecht.

Eins aber will ich zu jenem lange lange verblichenen Deutschaufsatz noch sagen, der mir nach wie vor auf der Seele brennt. Meine blühende Fantasie, mein „ich sehe das alles aber ganz anders“, was Früher-Sandras Schulkameraden wie Lehrer wahnsinnig gemacht hat – zum Glück habe ich mir das bewahrt. Mein Andersdenken hat mich zur Konzeptionistin gemacht, zur Texterin, zur Ideenfinderin. Ich kann das gut, und ich bin froh, dass ich es mir damals nicht habe ausreden lassen. Auch wenn’s schwer war und oft weh getan hat.

Ach, wissen Sie was, Herr H.? Ich verzeihe Ihnen die Sechs. Dass ich heute Texterin bin, ist meine persönliche Genugtuung. Und was die Astronomie-Null angeht: Irgendwie bin ich stolz auf die. Immerhin habe ich es versucht, habe mir mit den Physik-Cracks das Klassenzimmer geteilt und über die Relativitätstheorie gesprochen. Nicht verstanden, nur gesprochen.

Trotzdem: Das macht mich bis heute sehr glücklich. Ich habe es immerhin versucht.

Über die Autorin

Fräulein Walzer, Storyteller. Gute Geschichten erzähle ich als Texterin und Konzeptionerin, Trainerin und Coach, Brillenbloggerin und Fußballautorin – privat seit etwa 30 Jahren, beruflich seit 1997, selbstständig seit 2010.

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