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Sandra Walzer, Fräulein Ideenfinderin

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Warum Schwarztrinker manchmal helle Köpfe sind (und manchmal nicht)

Fräulein trinkt schwarz. Was man mir im Übrigen oft nicht glaubt. Warum eigentlich? Die Reaktionen auf „Wollen Sie einen Kaffee?“ „Ja gern.“ „Was für einer darf’s denn sein?“ „Bitte schwarz.“ habe ich mal gesammelt:

Die reichen von „Wie, ohne alles?“ und „Was, keine Milch?“ über „Auch keinen Zucker?“ oder „Milch, Zucker?“ bis „Ja, äh, keinen Lattemacchiatomilchcaféaulait?“. Eine einzige Person hat nach „Kaffee?“ auf mein „Ja” direkt gefragt: „schwarz?“, und das, ohne mich und meine Röstbohnen­getränke­vorliebe zu kennen. Danke dafür. Alle anderen sind meist auch nach der dritten Bestätigung noch irritiert.

So irritiert wie ich, als mir an der Hochschule eine Studentin als Ergebnis einer Schreibübung „trank heute ihren ersten Kaffee“ präsentierte. Was gar nicht so war, aber definitiv für Aufmerksamkeit, ja, Aufruhr sorgte. Schreibübung gelungen, Patient tot. So ähnlich zumindest würde es mir ergehen, ich sag’s Ihnen, ohne Kaffee. Ohne Kaffee am Morgen bringt das Fräulein viel Kummer und Sorgen. Mein liebster Kaffee kommt aus einer altertümlichen Vintagemaschine, die bei Mama und Papa an der Wand hängt. Die macht den heißesten Kaffee der Erde; ich liebe das. Je heißer, desto herrlicher. Er gehört einfach dazu.

Duftende Kaffeebohnen in der Tasse bei Fräulein Ideenfinderin

Dabei war das gar nicht immer so und ist erst seit rund 20 Jahren der Fall. In dieser Zeit durfte ich hervorragende und höllisch schlechte Kaffees kosten, musste mich eine Zeit lang mit Plörre aus der Industrie-Pump-Maschine über Wasser halten und durfte viele Jahre Siebträgerköstlichkeiten genießen. Und zu Hause? Ich verrate es Ihnen: Kapselkaffee.

Badumm, tss

Manchmal bin ich ein helles Köpfchen, doch, ich kann mir schon denken, dass nun ein große Zahl der Fundbürobesucher vor sich hin flucht, mir womöglich die Gefolgschaft aufkündigen will. Aber wissen Sie, ich habe meine Gründe. Und ich sehe nicht ganz so schwarz für die Umwelt und mein Seelenheil, wie mir das viele weismachen wollen. Man könnte meinen, auf vielen Fakten in der Akte Kapselkaffee sei der Deckel längst drauf. Aber ist er das? Ich habe genauer hingeschaut – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, denn diese ist wohl schlicht unmöglich.

Deckel #1: Kaffeekapseln sind böse.

Ich weiß nicht im Detail, wie viel Wasser benötigt wird und wieviel Müll es erzeugt, Kaffeebohnen selbst zu mahlen, alt gewordenes Kaffeepulver bzw. nicht mehr frische Bohnen wegzuwerfen, ebenso den gebrauchten Zellstofffilter, den zu viel gekochten Kaffee wegzuschütten, weil kalt oder abgestanden. Vor allem weiß ich das nicht im Vergleich zu Kapseln. Ich weiß nur, dass „Kaffee frisch vs. Kapseln“ nicht so eindeutig zu Ungunsten der Kapseln ausgeht. Denn auch die Tabellen der Kapselbekämpfer werden gerne nach deren Geschmack aus- und angelegt. Ökobilanz und Fußabdruck beginnen eben nicht erst beim Durchlaufen.

Kaffeekapseln im Glas bei Fräulein Ideenfinderin

Kalt, alt: Halt! Warum ich Kapseln mag

Eine ganze Kanne Kaffee kochen, wie es z. B. bei der guten alten Filtermaschine sinnvoll bzw. nötig ist? Danke, nein. So viel trinke ich nicht, also wird – wie eingangs erwähnt – der Kaffee kalt, igitt, und dann unweigerlich weggeschüttet. Was für eine Verschwendung. Zudem heizt beispielsweise eine Siebträgermaschine mal eben satte 30 Minuten lang auf und zieht ordentlich Strom. Die Kaffeebohnen: erhältlich in einem Paket, das für mich dann eben doch zu groß ist. Gleiches gilt für die gemahlene Version. Heißt: der Kaffee wird schnell alt. Und dann doch irgendwann weggeworfen. Eine Kapsel bietet mir frischen Kaffee für eine Tasse, genau jetzt, genau hier, ohne langes Aufheizen der Maschine. Für mich ein Vorteil.

(Anm. d. Red.: Ich habe sehr aktuell darüber gelesen, dass Kaffee nicht alt wird, wenn gut verschlossen verstaut. Das werde ich noch mal testen, bisher war es so, dass er bereits nach einer kurzen Weile muffig roch bzw. schmeckte, wenn mit zu viel Sauerstoff in Berührung.)

Kaffeekapseln bei Fräulein Ideenfinderin

Hülle, Hölle, hallo? Warum ich Kapseln nicht mag

Die Kehrseite gibt’s auch. Die gibt es immer. Fast immer. Hier heißt sie Umweltherstellungsmüllhölle. Oder so. (Care-Seite wäre ja auch was, aber die Wortspielhölle ist verboten, sagt man, dennoch drängte der sich auf.) Jedenfalls: Die Kaffeehüllen und der Müll. Definitiv ist er da, der Müllberg, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Oder doch? Wie viel ist es denn nun? Ich gebe hier das Wort an „Hermes Trismegistos“, der einst auf Ello (ja, das gibt’s noch) einen wunderbaren Beitrag zum Thema verfasst hat. Er vergleicht Aluminiummengen und Energieverbrauch, und es ist großartig. Auch diese Berechnungen sind nicht vollständig, aber sie sind aufschlussreich. Finde ich. Kapselgigant Nespresso selbst engagiert sich für mehr Nachhaltigkeit, inwieweit das Früchte trägt, kann ich nicht beurteilen. Aber ich kann lesen.

Beispielsweise das, was Chahan Yeretzian, Dozent für analytische Chemie an der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften, dazu sagt: „Nespresso hat ein Problem, weil die Leute nur den Abfall sehen und nicht die ganze Herstellung betrachten. Das ist ungerecht.“ Was die Umwelt wirklich belaste, sei der Kaffee selbst. Plantagenbetrieb, Düngung, Bohnenverarbeitung. Die Alu-Kapseln, recycelt, sind unter Umweltaspekten sogar gut, aber eben nur, wenn sie recycelt werden. Die 5.000 Tonnen Müll jährlich, die aus Alu- und Plastikkapseln entstehen, sagen nichts darüber, wie viele Alukapseln im Kreislauf landen. Hilfe! Das ist alles nicht einfach – aber eben auch nicht von Grund auf verkehrt. Unten habe ich dazu einige Links gesammelt.

Mein Fazit: Ich kann mich kapselkaffeekonsumierend weiterhin im Spiegel angucken, ohne schlechtes Gefühl (was den Kaffee angeht).

Kaffee in Kapseln bei Fräulein Ideenfinderin

Deckel #2: Nur aus Vollautomaten kommt wirklich guter Kaffee.

Was ist für Sie guter Kaffee? Vielleicht unterscheidet sich mein guter Kaffee von Ihrem. Es kommt auf Bohnen, Herkunft und vor allem auf die Kaffeezubereitung selbst an. Welche die beste Art ist? Da hilft nur probieren. Ein Auszug:

Filtermaschine – für alle, die mehrere Tassen auf einmal brauchen. Gut dann, wenn 100 Prozent Arabica verwendet werden. Auf den sind Filterpapier und -winkel abgestimmt.

Pressstempel oder French Press – von unten nach oben. Sehr kräftiges Aroma. Gut für alle, die es stark mögen und sich an Kaffeesatzkrümeln nicht stören.

Espressokanne oder Percolator – bereitet gar keinen echten Espresso zu, sieht aber toll aus, weil auf dem Herd gekocht, und schmeckt zumindest ähnlich. Gut also für Espressoliebhaber, Italienfreunde, Nostalgiker. Das Wasser verdampft; wenn’s fiept, ist der Kaffee fertig. Aber Achtung, explodiert gern.

Cona-Kanne – sieht aus wie aus dem Chemielabor. Die Glaskolben-Maschine wurde 1830 erfunden, sieht beeindruckend aus, ist aber reinigungsintensiv. Gut für alle, die gern zelebrieren.

Porzellanfilter – Kaffee in Handarbeit. Dauert etwas, und das Wasser darf nicht mehr kochen. Gut für Puristen und Klassiker.

Espressomaschine – auch Siebträger genannt, ein Schmuckstück. Macht tollen Kaffee (wenn tolle Bohnen reinkommen), braucht aber auch tolle Pflege. Gut für Ästheten und die, die Kaffee gern wie frisch vom Barista trinken.

Vollautomat – tut alles von allein. Bohnen rein, Wasser rein, Knopf drücken. Auch er will viel Reinigung und Pflege, kann dafür von Espresso bis Latte Macchiato alles, und das immer frisch gemahlen. Gut für Faule und die, die Abwechslung und mit Milch gemischte Spezialitäten mögen.

Chemex – Glas mit Holz. Sieht schick aus, ist gut für alle, die klaren Geschmack mögen.

Kapselmaschine – siehe oben. Gut für alle, die gern zwischen verschiedenen Kaffeesorten wechseln oder zwischendurch auch mal decaf trinken wollen.

Duftende Kaffeebohnen mit Wasserglas bei Fräulein Ideenfinderin

Deckel #3: Kaffee entzieht dem Körper Wasser.

Oh weh, da ist es, das Killerargument. Über die „gesunde Getränkemenge“ am Tag wurde zuletzt ja auch wieder viel diskutiert. Wissenschaftler, die die täglichen zwei Liter ins Märchenland verweisen, die sich gegen Limonadenhersteller wehren wollen, die sagen, man solle nur bei Durst trinken … Ich habe da meine Meinung, aber das ist eine andere Geschichte, die ich vielleicht in einem anderen Fundbüro erzähle. Kaffee zählt angeblich gar nicht als „Getränk“, und huu, das böse Gebräu soll eben dem Körper sogar Wasser entziehen. Das geht natürlich gar nicht. Aber ist das so? Nein, ist es nicht. Erinnert an den Eisengehalt im Spinat: Da wurden Daten früherer Studien falsch interpretiert, und zack, schon hält sich das. Eisern.

Wir können Kaffee getrost zur Flüssigkeitsbilanz hinzu­zählen. Koffein wirkt zwar in der Tat harntreibend und natrium­ausscheidend, aber bei moderatem Genuss wird das ausgeglichen. Das Glas Wasser zum Kaffee gilt als höflich, ist aber gesundheitlich nicht zwingend nötig. Nur als Durstlöscher sollten wir den Kaffee nun auch wieder nicht sehen. Ein informatives und gut gemachtes kleines Video dazu gibt es hier (bis 20.03.2019 verfügbar). Darin heißt es unter anderem: Kaffee kann sogar einen positiven Effekt auf die Gesundheit haben. Hoch die Tassen!

Deckel #4: Koffein = Gift

Das wiederum hängt ein wenig mit Deckel #3 zusammen. Und damit, wie Koffein im Gehirn wirkt. Dort werden Botenstoffe ausgeschüttet, Dopamin und Adrenalin zum Beispiel. Die beiden Kollegen zeigen schon: Kaffee macht uns Dampf. Sie wirken schmerzhemmend und anregend; und auch mit Erhöhung von Blutdruck und Stoffwechsel stehen alle Zeichen im Körper auf Angriff. Mit Koffein bin ich konzentrierter, fühle mich warm, bereit zu allen Schandtaten und weniger müde. Das ist ein wesentlicher Punkt: Koffein macht nicht tatsächlich wacher, mein Energielevel ist nicht höher, ich fühle mich nur weniger müde. Und jetzt wird’s verzwickt. Denn das heißt, auch wenn ich müde bin und mein Körper nach Ruhe verlangt, merke ich das kaum und gebe weiter Gas. Gefährlich.

Da sind wir wieder beim „Bitte auf den Körper hören“. Am Ende macht Koffein sogar abhängig? Ein Studie der University of Strasbourg belegt: Koffein besitzt nur ein geringes Abhängigkeitspotenzial, und das kommt auch nur bei hoher Koffeindosis zum Tragen.

Duftende Kaffeebohnen bei Fräulein Ideenfinderin

Wie Koffein definitiv wirkt: Hunger- und Durstgefühl werden gedämpft. Jetzt sind wir wieder beim Trinken. Das mit dem Hunger kann beim Abnehmen helfen, das mit dem Durst … Ach. Es ist wie mit allem – gesundes Maß und gesunder Menschenverstand helfen. Kopfweh kann Koffein­entzug übrigens durchaus bewirken, was sich anhört wie ein klassisches Suchtsymptom; hängt aber eher mit der Geschwindigkeit des Butflusses zusammen. Koffein verengt die Blutgefäße, das Blut fließt kurzfristig schneller, wir landen beim Bluthochdruck. Fehlt das, kann es zu Kopfweh oder sogar Übelkeit führen.

Ist Koffein nun Gift oder nicht? Kommt auf die Menge und Dosis an. Auf die Gewohnheit. Und eben darauf, wie wir körperlichen Reaktionen umgehen, ob wir reagieren oder nicht, ob wir ignorieren oder nicht. Mit „normalen Mengen“ kann der Körper „im Normalfall“ gut umgehen. Immerhin, es gibt eine Angabe zur Orientierung, die wissenschaftlich mehrfach belegt und medizinisch abgenickt wurde: Bis zu vier Tassen Kaffee am Tag sind in Ordnung. Anders ausgedrückt: Koffein ist bis zu einer Dosis von 200 Milligramm unbedenklich. Eine Tasse (je nach Stärke): 30 bis 100 Milligramm. Rechnen können Sie ja selbst.

Ich sehe schwarz für 18 Uhr

Manchmal bin ich ein nicht ganz so helles Köpfchen. Dann trinke ich Kaffee (schwarz) am Abend, gegen 18 Uhr oder noch später. Das ist eine ziemlich dumme Idee, die mit fortschreitendem Alter immer dümmer wird. Denn danach bin ich wach. Und bleibe wach. WachwachwachwachwachWACH. Zwar hatte ich schon mehrfach die Vermutung, Kaffee mache mich morgens gar nicht mehr wach (oder weniger müde, siehe oben), aber an einem solchen Abend bekomme ich postwendend die Bestätigung. Ja, Koffein wirkt in meinem Körper. Immer noch und immer mehr. Deshalb habe ich, nun wieder heller Kopf, den Kaffeekonsum reduziert: auf zwei Tassen am Tag, maximal, und diese allerspätestens 15 Uhr.

 

Schwarztrinker und helle Köpfe, Schwarzseher und erhellende Studien: Ein Prost an alle, die bis hier durchgehalten haben. Ich hoffe, es war nicht zu viel Kaffee oder Tee dafür nötig.

Noch ein letzter Satz zu den Kapseln: Ich glaube fest daran, dass Sie mich – auch mit konträrer Meinung – mögen.

 

Mehr lesen:

Hier der komplette Artikel mit dem zitierten Dozenten in der Stern-Version.

Spannendes Projekt zu kompostierbaren Kapseln aus Papier.

Lesenswerter Blick auf die Müllmythen des Alltags.

„Kapsel-Kaffee taugt nicht als Öko-Buhmann”

Nespresso über Nachhaltigkeit

Hier noch mal für den tl;dr-Zugriff der schöne Ello-Post.
(Auch die Kommentare lesen!
)

Und ein Zeit-Blogartikel dazu.

Feine Tipps zur Kaffeezubereitung

Kaffee und der Körper

Kaffee und Kopfweh

Ein sehr ausführlicher, sehr großartiger Text über die Wirkung von Koffein

Über die Autorin

Fräulein Walzer, Storyteller. Gute Geschichten erzähle ich als Texterin und Konzeptionerin, Trainerin und Coach, Brillenbloggerin und Fußballautorin – privat seit etwa 30 Jahren, beruflich seit 1997, selbstständig seit 2010.

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