Die Sache mit ohne

Plötzlich, unabsichtlich, bin ich in etwas geraten, was so nicht geplant war. Noch nie in meinen fast 41 Jahren auf dieser schönen Erde habe ich die Fastenzeit genutzt, um – naja, zu fasten. Ich habe die Fastenzeit als solche überhaupt noch nie zu irgendetwas genutzt. Wenn ich mir etwas vornehme, brauche ich kein vorgegebenes Zeitfenster dafür. Tadaa: 2018 ist Premiere. Dabei hatte ich das echt nicht vor. Im Gegenteil, ich kann der Fasterei nicht viel abgewinnen. Trotzdem faste ich jetzt aus Versehen sieben Wochen Süßkram. Und das kam folgendermaßen.

In den Stopplöchern

Meine Gedanken, bisher, ließen sich in etwa so zusammenfassen: Warum soll ich auf etwas verzichten, was ich gerne habe, esse, tue, trinke? Wem bringt es etwas, wenn ich sieben Wochen lang einen Bogen darum mache? Außer mir schlechte Laune? Wenn überhaupt – denn dass ich verzichten kann, weiß ich. Ich kann das sogar ziemlich gut. Wenn ich das will. 2012 beispielsweise wollte ich nicht länger sein, wie ich war, sondern mir ohne Anstrengung die Schuhe binden können. Also stellte ich meine Ernährung um, nahm an die 30 Kilo ab und habe dieses sehr ordentliche Päckchen komplett im Jahr 2012 gelassen. Ohne Jojo und Kollegen.

Ich verzichtete dabei unter anderem einige Monate auf Zucker in jeglicher Form (es sei denn, von Natur aus enthalten wie in Obst), auf Zwischenmahlzeiten und Snacks, auf … Ach, es wäre wohl einfacher aufzulisten, auf was ich nicht verzichtet habe. Sehr viel länger als sieben Wochen. Es war, wie soll ich sagen, machbar. Am Anfang hart, in bestimmten Situationen hart, meist aber doch überhaupt nicht hart.

Was mich auf den Punkt bringt, zu Pudels Kern, ans Fundament, den Schlüssel des Fastens. Wenn es nicht hart ist, so habe ich das Gefühl, dann ergibt es allem Anschein nach keinen Sinn. Ergo: Stand ich bis Mitte Februar in den Stopplöchern und winkte ab. Menschen in meinem näheren und weiteren Bekanntenkreis fasten Süßigkeiten und Chips, Digitales und Aggressivität bzw. negative Einstellungen und Kommentare, Plastik und soziale Netzwerke. Manches davon konsumiere ich gar nicht, anderes ist mir fremd – oder lieb. Ich komme dem Fasten noch nicht auf die Spur. Warum verzichten?

Mit einer sehr geschätzten Kollegin habe ich mich genau darüber ausgetauscht. Für Sie geht es weniger um Verzicht als um bewusstes Handeln. „Wo bin ich gedankenlos? Wo nehme ich einfach etwas, ohne darüber nachzudenken?“ Diese Perspektive mag ich. Sich bewusst Gedanken zu machen, aufmerksam zu sein, achtsam. Und wenn sich diese mir keineswegs fremde Gedankenlosigkeit sieben Wochen lang trainieren lässt – ja, dann könnte ich mich mit dem Fasten anfreunden. Dem Alltag also etwas hinzufügen, nicht etwas weglassen. Gut. Gut.

Allerdings hatte ich das a) nicht für 2018 auf dem Tisch und b) erst NACH der noch zu erzählenden Begebenheit diskutiert, weswegen ich überhaupt erst ins Gespräch kam mit jener Kollegin.

Das Unheil nimmt seinen Lauf

Sehr wohl auf dem Tisch hatte ich nämlich eines Wochenendes wieder einmal reichlich Süßkram. Denn von was ich Montag bis Freitag die Finger lasse, ist mein Gönnichmiramwochenende. Mit der unerfreulichen Entwicklung des „ach, ausnahmsweise am Montag“ oder Mittwoch und Donnerstag oder Freitag und auf jeden Fall viel zu oft. Ergebnis: Unwohlsein im Sinne des Mopsigfühlens, eine gehörige Portion Unzufriedenheit und für meinen Geschmack zu straff sitzendes Allerlei. Eins führte dann zum anderen, aus meinem etwas zu lauten Mimimi wurde ein mir entgegnetes „ok, dann bis Ostern“ und plötzlich, eh ich mich’s versah, war ich mitten hineingeschlittert in die Fastengruppe 2018. Keine Ahnung, ob Sie da teilnehmen; falls ja: Hallo, Kollegin; willkommen im Club, Kollege. So war das ja nicht gedacht!

Weil ich aber bin, wer ich bin und wo ich nun mal bin, ist diese Sache gesetzt. Sieben Wochen keinen Süßkram. Challenge accepted, wie es auf Englisch so schön heißt. Herausforderung angenommen. Und nun mit Schwung und Sahnehaube in die Kurve Richtung Heißgetränk. Denn ausgerechnet zu Fräuleins Fastengelübde krempelt der Februar die Ärmel hoch. Hartmut legt die Welt auf Eis, es ist bitterkalt und wunderschön (wenn Sie mich fragen; ich mag das sehr). Unter normalen und bisherigen Umständen hieße das für mich: Raus, raus, raus, spazieren, rote Nase und klamme Finger holen, in Schal und Mütze und zwei Paar Handschuhe gestopft die schockgefrostete Natur genießen, mit wohligen Seufzern zu Hause Schicht um Schicht wieder herausschälen – und ab in die Küche.

Ich erteile mir Herdverbot

Wirklich, das mit Abstand Großartigste im Winter ist für mich eine heiße Schokolade mit Mini-Marshmallow-Topping. Wenn die kleinen weißen fluffigen Dingerchen langsam in den Kakao schmelzen und im Mund solch sahnig-süße Schlieren hinterlassen, das. DAS! Und dann die Zunge fast verbrennen und der Duft und die Schokolade. Das. Haben Sie das schon mal ausprobiert? Mir war das bis vor vielleicht zwei oder Jahren gänzlich unbekannt, dann schwappte es über den großen Teich bis in meine Tasse. Wie konnte ich so lange ohne leben? Was ist mir da nur entgangen! Am liebsten mit Hingabe selbst hergestellt aus Kakaopulver und Rohrzucker oder klein gehackter Schokolade, etwas Vanille, vielleicht einem Klacks Sahne, Marshmallows bis kurz vor Überlaufen. Und zwei, drei direkt in den Mund. Tja. Schön wär’s. Aber ich faste ja. Sonntags-Herdverbot für Fräuleins. Wie bekloppt.

Ist es das?

Ich denke an die Sache mit der Gedankenlosigkeit. Ich denke daran, dass ich, ganz ohne Fastenzusammenhang, meinen täglichen Kaffeekonsum auf maximal zwei Tassen begrenzt habe, oft ist es sogar nur noch eine, und wissen Sie was? Das tut mir so gut. Vielleicht ist es das, was mich am meisten überzeugt. Das bewusste Hineinspüren in den eigenen Körper, denn das tun wir viel zu selten. Ich für meinen Teil versuche das sogar recht häufig, und doch, im Alltag geht es zu schnell verloren. Einen Kaffee und noch einen, und nach dem Essen, am Nachmittag, huch, vier Tassen. Große Tassen. Schwarzer Kaffee. Genossen? Kaum. Klar würde ich in der eisigen Zeit ein heiße Schokolade genießen, und wie.

Aber stattdessen die Bilder im Kopf und in der Kamera wirken zu lassen, die beim Spaziergang draußen entstanden sind: Ehrlich, das ist mindestens so gut wie Marshmallows. Und es hält länger an, das gute Gefühl, ganz ohne Kalorien & Co. Außerdem – kalt wird’s auch nächstes Jahr wieder, vermutlich. Wer weiß, ob ich dann wieder fastenfrei zuschlagen kann.

Plan G für 2019

Liegt schließlich ausschließlich an mir selbst. Sicher werde ich im nächsten Jahr früher und gezielt über das Fasten nachdenken. „Plan G“, Gedankenlosigkeit abstellen, Ideen sammeln und vielleicht ja keinen Süßkram, sondern etwas ganz anderes fasten. Mal sehen. Jetzt aber ab in die Küche, nicht für heiße Schoki, sondern für Maultaschen. Sind Maultaschen eine Entstehung der Fastenzeit? Man sagt’s, denn immerhin verstecken die „Herrgottsbscheißerle“ ja Fleisch in Teigtaschen – und stammen angeblich aus dem Kloster Maulbronn, daher der Name. (Allerdings gibt es nicht genügend vernünftige Quellen und einige andere Legenden dazu. Mir gefällt diese Version, deshalb behalte ich sie bei.) Obwohl es die leckeren Dinger mittlerweile auch fleischfrei gibt, was irgendwie eine Verdrehung sämtlicher Tatsachen und Beweggründe darstellt, wenn man genauer drüber nachdenkt.

Ich wiederum habe Hunger und kalte Hände. Ich denke nicht, ich koche, am Herd, ha, denn dafür ist er nicht verboten. Und ich esse, mit Genuss. Halt nur nix Süßes.

Mehr lesen:

Gucken Sie mal auf Pinterest. Mjam. Omnom. Nom.

Ich bin nicht grade kirchennah. Aber „7 Wochen ohne“ mag ich.

Gretchen Rubin fragt: „Abstainer or Moderator“? Ich: Abstainer.

Herr Paulsen über die Maultasche und ihre genauen Maße.