Böllern am A****

„Aber trotzdem!“, „Es ist mein Geld!“, „Ist doch nur einmal im Jahr!“, „Ist meine persönliche Freiheit!“, „Sieht doch schön aus!“, ich weiß gar nicht, was davon mein Favorit der Pro-Silvesterböller-Argumente ist. Favorit in Anführungszeichen. Es ist nun so: Ich will nicht missionieren. Nicht beim Essen, nicht beim Rauchen, nicht beim Glauben, bei gar nichts, und auch nicht bei Silvesterböllern. Aber meine Meinung dazu, die muss – im Sinne von will – ich jetzt mal rausknallen. Auf den Tisch knallen. In dieses Internet knallen.

Silvesterrakete Rakete Silvester Boden

Ich finde Silvesterböller doof.

Wichtig dabei: Wir sprechen hier über Böller. Die lauten, die, die einen Heidenlärm veranstalten, mich jedes Mal bis ins Mark erschrecken und die man gar nicht sieht oder nur mit so einem „jo, Hauptsache laut und ein bisschen Farrrbpfrt“. Buntes Feuerwerk, am liebsten mit Köpfchen und Konzept zusammengestellt, passend zur Musik gar!, schaue ich sehr gern an. Und Wunderkerzen.

Wenn es aber einfach nur Krach machen soll, wenn es gar Böller sind, die nicht in die Luft gehen, sondern auf den Boden geworfen werden (schlimm), wenn ich nicht gar damit rechne (sehr schlimm), wenn es einfach so richtig übel krawummst, dann bin ich raus.

Ich halte mir die Ohren zu.

Und das ist mir auch mit 40 Jahren überhaupt nicht peinlich. Reiner Selbstschutz. Ehrlich, Krach und Lärm sind mir extrem unangenehm. Das fängt bei zu lautem Fernsehgerät an, geht bei lautem Telefonklingeln weiter, erreicht bei (Silvester-)Böllern seinen Höhepunkt und hört bei Schießübungen, knallenden Autoreifen beim Aufdiefelgeziehen oder Faschingspistolen nicht auf. Dass ich übrigens zuerst „Schißübungen“ verschrieb, ist dabei ein echt Freud’scher Vertipper. Es macht mir Angst, oder zumindest ist es mir wirklich an der oberen Grenze unangenehm. Seit ich weiß, wie Tiere darauf reagieren, noch viel mehr.

Und seit ich weiß, wie ich darauf reagiere, wird es mit der entsprechenden Vorangst nicht besser. Wenn Sie mir wirklich Böses wollen: Lassen Sie eine aufgepustete Brötchentüte oder einen Luftballon neben mir platzen. Sie laufen damit allerdings Gefahr, dass ich mich wortlos von Ihnen entferne. Für sehr lange Zeit.

Ich glaube, ein bestimmtes Silvester ist schuld.

Ob meine Geräusch­empfindlichkeit schon vor jenem Silvester so ausgeprägt war, weiß ich nicht. Ich weiß aber noch sehr gut, wie an jenem Silvester, „komm doch mit raus, komm wir gucken das Feuerwerk“ Ende war. Finito. Aus. Vorbei für alle Zeit. Es war schrecklich, ich litt Höllenqualen und bis heute gucke ich am liebsten von drin. Sowieso, „wir gucken Feuerwerk“, verlogen und betrogen. Es geht, so habe ich das Gefühl, heute doch gar nicht mehr ums Gucken, sondern ums Hören. Komm, wir hören Feuerwerk!? Danke vielmals, ohne mich.

Ich habe diesmal etwas Neues darüber gelernt.

So um den 29. Dezember 2017 herum kam etwas Neues zu meinen Contraargumenten hinzu. Ok, wer einmal eine Katze oder einen Hund an Silvester erlebt hat, wie sie oder er sich verkriechen will, nicht weiß wohin, wie diese Tiere völlig neben sich stehen und wie sie an den VERDAMMTEN TAGEN DAVOR UND DANACH KEINE CHANCE HABEN, WEIL VERDAMMT NOCH MAL NIEMAND WEISS, WO UND WANN IRGENDEIN VERDAMMTER DEPP EINEN BÖLLER KNALLEN LÄSST, OBWOHL SILVESTER NOCH IN WEITER FERNE ODER BEREITS LANGE VORBEI IST, dem reicht das schon völlig. Trotzdem, diesmal war etwas neu. Obwohl man das ja kennt, ne, Silvesternacht, alles völlig verraucht, igitt, nicht sehr angenehm – diesmal gab’s Fakten dazu.

4.000 bis 5.000 Tonnen Feinstaub: So viel wird durch Feuerwerkskörper jedes einzelne Jahr freigesetzt. 15 bis 17 Prozent der Menge, die der gesamte Straßenverkehr während eines Jahres produziert. Siebzehn Prozent. Denken Sie über diese Zahlen bitte mal eben kurz nach. Zur Veranschaulichung können Sie während des Denkprozesses auch mal diese Karte betrachten.

Wenn Sie hier mit dem Denken fertig sind, dann schicken wir unsere Gedanken noch kurz zu den vielen Todesopfern, zu den Verletzten, und zwar nicht nur die Selbstblöden, die es einfach nicht auf die Reihe und in ihr Hirn kriegen, wie gefährlich Raketen & Co. sind, sondern auch die, die unfreiwillig getroffen werden, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren, die durch einen dummen Zufall leider zu nah standen. Und weil es immer noch und jedes Jahr wieder die Aber-Fraktion gibt, habe ich dazu auch ein paar Antworten.

Hundekacke Hundehaufen Stein

Aber im Stadion

Die zum Jahreswechsel 17/18 nach meinem Empfinden so intensiv aufploppende Diskussion „Pyro vs. Feuerwerk“ ist dabei auch nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein. Ein kleines Paff im großen Chaos. „Über Pyrotechnik im Stadion aufregen, aber Raketen an Silvester erlauben“ sind für mich Äpfel und Birnen, oder umgekehrt eher sogar zwei gleiche Seiten der Medaille. Denn beides ist gesundheitsschädlich, gefährlich und nur bedingt kontrollierbar. Schön? Ist für mich kein Argument, das alle anderen schlägt. Schön sind auch Schals und bunte Plakate. Echt jetzt mal.

Aber dazu ließe sich wohl eine komplette Fundbüro-Ausgabe füllen, und vielleicht mache ich das sogar irgendwann. Nur zur Klarheit: Ja, ich bin gegen Pyro im Stadion und ja, ich habe das Zeug selbst schon aus nächster Nähe erlebt und ja, ich habe so etwas auch schon mal in ein Stadion bugsiert. Ende der Ausführungen.

Aber das Ah und Oh

130 Millionen Euro fürs Silvesterfeuerwerk. 130 Millionen. Ich muss an Hunger und Armut, kaputte Straßen und fehlende Kitas und an ziemlich viel denken, das sich mit 130 Millionen Euro PRO JAHR anstellen ließen. Und dann ist da der Müll am nächsten Tag. Da sind die Bedingungen, unter denen Feuerwerkskörper hergestellt werden – aber dann müssten wir jetzt auch über Kleidung und vieles mehr sprechen, ich weiß schon. Dennoch.

Da sind immer noch die Tiere – nicht nur die zu Hause, auch die Enten auf dem Teich, die Tauben im Park, die Vögel auf den Bäumen, die Hühner, Gänse, Kühe, … und da sind traumatisierte Menschen aus Kriegszeiten und -gebieten. Und noch etwas, Stichwort Tiere: Die erschrecken sich nicht nur, die fressen auch kleine Plastikteile und atmen den Feinstaub ein.

Aber die bösen Geister

Mal ehrlich: böse Geister vertreiben, der Hintergrund der ganzen Böllerei, das ist schon lange nicht mehr die intrinsische Motivation, oder? Die Argumente pro Böller, siehe oben, sie ziehen bei mir einfach nicht. Auch nicht „Jaha, wenn man billige Böller … nicht wie ICH die richtigen …“ Nun. Zwei von drei in Deutschland gezündeten Böllern stammen aus China. Das nur als Randnotiz.

Aber es ist doch mein Geld

Ja. Und meine Gesundheit, meine Angst und meine Wut. Eine Paradelösung habe ich nicht, sonst wäre ich vermutlich nicht Fräulein Ideenfinderin, sondern Fräulein Bundeskanzlerin (bewahre!). Eine Meinung und einen Wunsch aber habe ich. Ich finde die Idee kontrollierter und konzipierter übergreifender Feuerwerke fein. Ein Jahresende ohne Schrecken wäre das; da würde ich von Herzen gern zugucken. Sogar ohne Ohrenzuhalten.