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Sandra Walzer, Fräulein Ideenfinderin

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Liebes Apple, …

Du hast mich enttäuscht.

 

27. Oktober, 09:01 Uhr – Vorbestellungsstart für das iPhone X. Ich habe mich darauf gefreut. Bin ein bisschen gehopst, als du vor einigen Wochen dein neues Wundergerät vorgestellt hast, und wusste: Das Warten hat sich gelohnt. Denn nahezu seit Anbeginn des iPhones vor zehn Jahren bin ich mit an Bord, praktischerweise immer so, dass es zur jeweils „großen“ Version gepasst hat mit meinen Vertragsverlängerungen. iPhone 3G, 4, 5 habe ich jeweils rund zwei Jahre genutzt und geherzt, manches mehr, manches weniger, aber doch immer gemocht. Mein iPhone 6 wurde im September drei Jahre alt. 2016 habe ich zum ersten Mal überhaupt ein großes Release sausen lassen, kein iPhone 7 für mich, warten auf den Jubiläumsapfel, man munkelte ja. Dann wurde aus dem Munkeln eine Key Note, iPhone 8 und X wurden vorgestellt, und ha! Natürlich sollte es ein X für mich werden. Neueste Generation von allem, Face ID und hastenichtgesehen. Ja, Apple, ich mag dich. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen:

Ich liebe dich

iPhone und Magic Mouse auf dem Schreibtisch von Fräulein Ideenfinderin

Im November 2017 feiern wir beide unser 20-Jähriges, dann nämlich ist es zwei Jahrzehnte her, dass ich meinen ersten Fuß in eine Werbeagentur setzte, in eine neue Welt. Eine Welt voller Glanz und Gloria, voller Schein und Seinalsob, voller Pomp und Prunk und Mac. Meine erste Apfelberührung, damals, meine ersten Schritte in Quark, alles so anders als zu Hause, und doch so schnell meine Technikheimat geworden. Seit jenem November 1997 arbeite ich nun nahezu jeden Tag an mindestens einem Apple-Gerät. Ich weiß noch, das Gefühl, als ich meinen ersten eigenen iMac zu Hause aufstellte, das türkisfarbene Ei, Heidewitzka, war das ein Spaß.

Ich klatschte und hopste

Weitere iMacs kamen in mein Büro und gingen, es kam ein Macbook, es kamen iPhones, es kam ein iPad. Ja, ich liebe Apple. Unter anderem deshalb, weil diese Geräte nicht kaputtzukriegen sind. Noch niemals in 20 langen Jahren hat mich eins der Steve-Jobs-Geräte derart im Stich gelassen wie die von Bill Gates, nicht so, dass ich es nicht wieder hingekriegt hätte. Auch deshalb bin ich Fan. Von Steve, von Apple, von Macs und iDevices. Und mir ist egal, was andere darüber denken. Manchmal ärgere ich mich über das süffisante Vonobenherab einiger Menschen, die so tun, als seien sie jeglicher Faszination erhaben.

„So viel Geld für ein Smartphone zahlen doch nur Deppen“, „viel zu teuer für das, was es kann“ und ähnliches geistert umher, meint iPhones genauso wie Desktop-Rechner und Tablets und Laptops. Ach Apple, du bist nicht grade günstig, aber das weißt du selbst. Dennoch war ich immer bereit, das Mehr an Geld zu bezahlen für das, was du mir gegeben hast. Fürs Nichtkaputtgehen, fürs Einfachsein. Andere geben ihr Geld für anderes aus. Moment, da mag ich eben kurz noch mal einhaken.

iPhone 6 auf dem Schreibtisch von Fräulein Ideenfinderin

Lassen wir uns unsere Liebe

Wir – und damit meine ich viele von uns – leben in einer Luxuswelt. Nicht nur die mit dem Porsche, der AppleWatch, dem Superdupermegamac, der für 5.000 Dollar aufwärts im Dezember auf den Markt kommt. Ich meine damit auch den Fiat, den Fernseher, das Fitbit. Diese Entscheidungsprobleme, ob nun 8 oder X oder 7 oder explodierendes Konkurrenz-produkt, es sind Luxusprobleme. Ich selbst lebe im Luxus und bin nicht genügend dankbar für diesen Lebensstandard. Ich kenne sehr wohl Menschen, die am Monatsende oft nicht wissen, wie sie die Nudeln mit Ketchup noch variieren sollen, wie sie die Schulausflüge finanzieren sollen, wie sie die kaputte Waschmaschine ersetzen sollen.

Ich habe immer frisches Gemüse und glückliche Eier, und innerhalb meiner Luxuswelt entscheide ich, wofür ich mein Geld ausgebe, was mir wichtig ist, was mir Spaß macht. Und das lasse ich mir nicht kaputtreden von Menschen, die meine Vorlieben nicht verstehen. „Ein anderes Smartphone tut’s doch auch!“, ja, tut es vermutlich, aber nicht für mich. Ich habe meine Gründe, und ich habe meine Freude daran. So wie andere ihre Freude daran haben, sich die tollsten Laufschuhe, das größte Auto, Fußballtickets, Bezahlfernsehen, die Designertasche, den Anzug, die Drohne, die Kamera, den Whisk(e)y zu kaufen. Hey, Apfelschorle tut’s doch auch? Lassen wir das. Lassen wir uns unsere Liebe. Nur du, Apple, du hast sie mir heute genommen.

Du hast mich im Stich gelassen

Um 09:01 Uhr war ich bereit. Ja, ich hatte mir dafür einen Termin mit Erinnerung gesetzt. Bekloppt? Bekloppt, herrlich bekloppt, ich mag das, ich hopste. Und dann sah ich, was das iPhone X für mich und meinen verlängerungsfähigen Vertrag kosten soll. Ich hopste nicht mehr. Mir hopste das Herz in die Hose. Da standen 749,95 Euro, oder vielleicht auch nur ,90 Euro, das ist mir entfallen, so, wie mir mein Lächeln aus dem Gesicht heruntergefallen ist. Apple, nicht dein Ernst. Du willst siebehundertverdammtefünfzig Euro von mir? Die habe ich nicht. Zumindest habe ich sie nicht für ein Phone, und stehen auch noch so viele i davor.

Ich bin enttäuscht. Richtig enttäuscht. Mir tut das weh, Apple, du tust mir weh. Ich hatte mich gefreut auf das neue Gerät, ich liebe das, neue Technik ausprobieren, das neue Gerät auspacken, unboxing, oh yeah, der Geruch, „Hallo.“ All das. Du hast es mir heute madig gemacht. Das musste ich erst mal verdauen. Dann dachte ich, nun gut, iPhone 8 wird’s werden, das ist doch auch toll. Eben noch las ich einen Artikel, warum das angeblich sogar toller sein soll als das X (Jajanaklar, ich glaube halt nicht dran). Ist ok, auch daran werde ich Freude finden.

iPhone und iMac auf dem Schreibtisch von Fräulein Ideenfinderin

Es reicht

Oder eben nicht. Denn auch für das iPhone 8 rufst Du eine ordentlich unappetitliche Summe auf. Apple, heute fühle ich mich wieder wie damals mit 20. Zu jung, zu unerfahren, zu sehr Berufseinsteiger, um diese exotischen Apple-Computer kaufen zu können. Das erste iPhone, von den Agenturchefs mit einem Fingerschnipsen bestellt, von mir sehnsüchtig angehimmelt, bis es reichte. Bis es fürs erste iPhone reichte, und Apple, wow, das war ein Spaß. Weißt du noch? Wie toll das war. Ich hopste. Heute hopse ich nicht. Heute hast du mich auf den harten Boden der Tatsachen geholt. Tatsächlich, das tat weh … Es reicht, Apple. Zumindest für heute.

Traurigst

Dein Fräulein

 

PS: Mag sein, dass ich jetzt belächelt, bekopfschüttelt oder für bemitleidenswert gehalten werde. Das dürfen Sie. Aber tun Sie mir zwei Gefallen, denken Sie bitte über zwei Dinge nach, während Sie lächeln oder schütteln. Denken Sie erstens an etwas, für das Sie gerne und wohlwissend freiwillig (zu) viel Geld ausgeben. Denken Sie zweitens darüber nach, wie es ist, wenn man geschafft hat, dass das eigene Produkt von Kunden so innig geliebt wird. Denn dazu gehört mehr als Marketing. Dafür zumindest gehört Apple (und mir, für Erstgenanntes) Respekt, finde ich. Finden Sie nicht auch?

PPS: Ob ich das iPhone X gekauft hätte, wäre ich eine reiche Frau? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. 750 Euro sind eine Menge Geld, unabhängig davon, wie viel man auf dem Konto hat. Was ich weiß: Natürlich bleibe ich Apple treu. Ich liebe diese Produkte. Daran ändern auch 749,95 Euro nichts.

 

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Über die Autorin

Fräulein Walzer, Storyteller. Gute Geschichten erzähle ich als Texterin und Konzeptionerin, Trainerin und Coach, Brillenbloggerin und Fußballautorin – privat seit etwa 30 Jahren, beruflich seit 1997, selbstständig seit 2010.

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