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Sandra Walzer, Fräulein Ideenfinderin

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Tinte unter der Haut

Kein Tintenfundbüro ohne Tattoos.

 

Die gehören in diese Ausgabe, wie sie auf meinen Arm gehören, meine Schulter, mein … Nun. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, das ist privat, Sie verstehen. Gehört hier nicht her. Sehr wohl hier her gehört aber Generelles zur Tinte unter der Haut, weil das ein faszinierendes und überaus vielschichtes Thema ist.

Tut das weh?

Ja. Diese Frage wird heute selten(er) gestellt, vielleicht, weil viele eigene Erfahrungen damit gemacht haben, vielleicht, weil Tätowierungen heute sehr viel gesellschaftsfähiger sind. Ich will nicht behaupten, ich wäre in einer Zeit aufgewachsen, als das noch nicht so war. Aber doch. Ein bisschen schon. Ein bisschen uuuh und oooh war das dann doch, „damals“, als ich anfing, mich damit zu beschäftigen und meine Haut das erste Mal selbst verschönern zu lassen. Denn genau das ist es für mich. Schön. Diese Meinung teilen viele Menschen nicht mit mir, und das ist in Ordnung.

Schmerzhaftes Tätowieren: Ja, Tattoos tun weh – sagt Fräulein Ideenfinderin im Fundbüro

Es gibt da auch diesen Tweet von wegen „Ich bin nicht tätowiert, man klebt ja auch keine Aufkleber auf einen Ferrari.“ Gut, gut, es sei dir gegönnt. Ich bin kein Ferrari, wollte nie einer sein, werde auch keiner mehr. Was bin ich? Gute Frage. „Wenn Du ein Tier wärst, was wärst Du dann?“ wurde ich schon hin und wieder in den typischen Psychotests und zu anderen Gelegenheiten gefragt, ich weiß gar nicht mehr, was ich da geantwortet habe. Was ich antworten würde auf die Frage, was für ein Auto ich wäre, wäre ich ein Auto, das überlege ich grade.

Hm.

Ich denke, ich wäre ein 50er PickUp, mit Roststellen, in Türkis oder hellblau oder einer anderen Bonbonfarbe. Ein cooles Auto mit Charakter, eins, das ziemlich viel mitmacht und aushält, das ein großes Herz hat und ordentlich bunte Farbe. Eins, mit dem man gerne fährt, auch wenn man nie weiß, was einem auf der Strecke begegnet oder welche Mucken die Karre unterwegs vielleicht macht. Wie kam ich jetzt bitte drauf, mich mit einem Auto zu vergleichen? Ach so, Tattoos und der Ferrari. Also, nix Ferrari, aber Farbe. Wissen Sie, ich kenne die Geschichte von Tätowierungen. Nicht bis ins Detail, aber ja, ich habe viel gelesen über die Ursprünge der in die Haut geklopften Farbe, über die in die Haut gestochene Farbe, über weiße Farbe (bitte nur für Akzente; diese Sache mit den weißen Tattoos, glauben Sie mir, das funktioniert nicht. Gilt auch für reine Aquarelltattoos ohne schwarze Outlines. Schwierig, ganz schwierig). Ich weiß, dass die Farbe in die zweite Hautschicht eingebracht wird, dass manche Tätowiererinnen und Tätowierer es aber übertreiben und zu tief stechen (nicht gut) oder nicht bis in die zweite Schicht gelangen (auch nicht gut).

Ich habe über polynesische und philippinische Tätowierungen gelesen und von Menschen, die sich auf Weltreise begaben, um sich an den traditionellen Orten traditionell stechen zu lassen, wow. Ich weiß um die rituellen und religiösen Hintergründe, um die Bedeutung tätowierter Tränen im Gesicht, über die mir ein Jugendlicher auf Freigang erzählte, wobei es da unterschiedliche Interpretationen zu geben scheint. Auch Blutgruppen- und Häftlingsnummertätowierungen kenne ich, und mich schaudert beim Gedanken daran. Von Yantra habe ich gelesen und von Schlangen an den Handgelenken, habe traditionelle Motive wie Koi oder Drachen, Kirschblüten und die schwarze Acht, Schwalben und Würfel gesehen und mir von ihren Trägern etwas darüber erzählen lassen. Der japanische Brauch, sich zeitlebens nur von einem einzigen Künstler tätowieren zu lassen, gefällt mir, und wie nach und nach das Kunstwerk über den gesamten Körper ausgebreitet wird. Mir gefällt aber auch, wenn Menschen sich von vielen verschiedenen Tattoo Artists stechen lassen, weil sie von diesen Künstlern jeweils ein „Piece“, ein Tattoo, ein Stück ihrer Kunst tragen wollen.

Hallo, Arschgeweih

Letztlich denke ich: Jede und jeder, wie er oder sie mag. Wer wirklich unbedingt dringend ein Unendlichkeitszeichen, am besten noch in Verbindung mit einer Pusteblume, aus der plötzlich Vögel entstehen, haben will: Bitte gern. (Zeigt mir übrigens den Tätowierer, der das noch nicht auf seiner roten Liste der untätowierbaren Dinge stehen hat, aber das ist wieder ein anderes Thema, und über das Finden und Verhalten von Tätowierern könnte sogar ich allein schon ein eigenes Buch schreiben.) Ich mag das nicht, deshalb trage ich es nicht. Auch kein chinesisches Schriftzeichen, kein „Arschgeweih“ oder anderweitig positioniertes Tribal. Dennoch, auch hier: mir alles recht, oder viel mehr: mir alles gleich.

Tätowiermaschine von Madeleine Doll im Fundbüro von Fräulein Ideenfinderin

 

Wütend werde ich nur, wenn mir ernsthaft jemand von Bio-Tattoos erzählen will. Zum Glück scheint dieser Hype wieder abgeflaut zu sein. Leute, ehrlich: Bio-Tattoos gibt es nicht. Gab es nie, wird es nur geben, wenn jemand etwas sehr Futuristisches erfindet, mit dem der Tätowierer perfekt die entsprechende Hautschicht erwischt. Mit jeder Nadelbewegung. Und wenn man sich vor Augen führt, dass eine klassische Tätowiermaschine, je nach Typ, ob Spule oder Rotary, bis zu 15.000 Stiche, „Hübe“ oder Bewegungen pro Minute ausführt, dann wird schnell klar: Das lässt sich nicht so perfekt steuern, um ein nur eine gewisse Zeit sichtbares „Bio-Tattoo“ zu „stechen“. Viele Anführungszeichen, ich weiß, aber die sind auch nötig.

Lassen Sie bitte die Finger von Bio-Tattoos, wirklich, wenn Sie sich und Ihrer Haut etwas Gutes tun wollen. Und mal ganz unter uns: Wer will, dass dieser Hautschmuck wieder verschwindet, der will schlicht und ergreifend nicht tätowiert sein. Dann können Sie es sich auch aufmalen lassen. Ich meine das nicht böse; ich will nur, dass Sie gut nachdenken, bevor Sie sich tätowieren lassen. Denn das tun längst nicht alle. Es gibt viele sehr junge Menschen, wie mir der Tätowierer meines Vertrauens verraten hat, die ihr erstes Tattoo, am besten gleich mit 18, direkt auf den Handrücken, hinter dem Ohr oder am Hals haben wollen. Alles Stellen, die sich nicht oder kaum mit Kleidung verdecken lassen, die also immer sichtbar sind. Puh.

Nein. Bitte. Die Chancen, dass Sie das bereuen, sind sehr sehr groß.

Hautsache

„Unter“ die Haut geht ein Tattoo übrigens ganz genau genommen gar nicht, sondern in die Haut. Eben die Schicht, die auch „Lederhaut“ genannt wird, ungefähr zwei Millimeter tief, je nach Stelle und Hautdicke, die bei jedem Menschen anders ist. Anders ist bei jedem Menschen auch das Schmerzempfinden. Am meisten fasziniert hat mich die Frau, die über Stunden – viele Stunden! – das Tätowieren an/auf/über den/die Rippen ausgehalten hat, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Sie las ein Buch, tiefenentspannt, mit leichtem Lächeln auf den Lippen und der Nadel auf den Rippen. Genauso fasziniert hat mich die Frau, die wegen eines nur wenige Zentimeter großen Outline-Sterns oder Herzens oder was immer es war quasi erst einmal einen halben Tag auf die Krankenliege wollte. Naja, jeder fühlt halt anders. Aber für alle gilt: Ja, es tut weh. Und anders als andere Verletzungen, die für mich zumindest nach längerer Zeit etwas erträglicher werden, wird Tätowieren, wenn bereits einige Stunden unter der Nadel verstrichen sind, von Minute zu Minute unangenehmer.

Irgendwann ist die Haut einfach so sehr gereizt, da ist dann Ende. Bei mir ist das nach spätestens fünf bis sechs Stunden der Fall, aber es kommt auch sehr auf die Tagesform an, darauf, ob ich gut und genug geschlafen und gegessen habe, an welcher Stelle gestochen wird und ob nicht allzu lange Zeit vorher bereits an dieser Stelle hantiert wurde. Alles in allem fasziniert mich das Tätowieren an sich, als Kunstform, als so unglaublich traditionelles und mit Geschichte aufgeladenes Handwerk. Ich mag, wenn Tattoos ihre eigene Geschichte haben, wenn hinter dem Motiv viel Bedeutung steckt. Aber ich mag auch einfach schöne Tatoos, ohne jegliche tiefgründige Tränchen-Gänsehaut-Erläuterung. Ich mag nur nicht, wenn Tatoos gar nicht bedacht, sondern einfach flugs gemacht werden. Siehe oben. Und wenn ich von Partypeople und Massentätowierungen höre, ha, am besten noch alkoholisiert, dann wird mir schlecht. Geht weg damit. Obwohl – meine Haut ist es ja nicht.

Aber was ist denn, wenn Du mal alt bist?

Toll. Ich möchte gern und hoffentlich gesund alt werden. Im Ernst, ich weiß, worauf Sie mit dieser Frage hinaus wollen, „aber im Alter?!“, „Willst Du wirklich für immer so aussehen?“, „Was machst du, wenn Du das mal nicht mehr willst?“ Darauf habe ich zwei Antworten. Ja und nein. Ja, ich bin mir durchaus bewusst, dass Tätowierungen für immer sind. Ob ich das mit 80, so ich so alt werde, noch gut finde? Keine Ahnung. Wissen Sie denn, ob Sie mit 80, so Sie so alt werden, Ihren Jahrzehnte ausgeübten Job noch gut finden, oder das gebaute Haus, oder den geheirateten Partner? Wissen wir alle nicht. Und weil wir es nicht wissen können, zerbreche ich mir darüber nicht meinen Kopf. Nein, ich finde nicht, dass Tätowierungen auf alten Körpern doof aussehen.

Ich finde, wer seine Tätowierung mit Freude und Selbstbewusstsein trägt, wer überhaupt sein Alter mit Liebe trägt, der ist wunderschön. Vor allem von innen. Wenn der alte Körper, und sei er noch so faltig runzlig sonst etwas, dann bunt ist: Toll. Ich mag das. Wenn Sie das nicht mögen, ist das fein. Sie müssen sich nicht tätowieren. Es ist Ihre Haut.

Vorbereitungen vor der Tätowierung – im Fundbüro von Fräulein Ideenfinderin

Was mir gegen den Strich geht, ist eher der Umgang mit dem Thema Stolz. Der Stolz, „heutzutage nicht tätowiert zu sein“ genauso wie der, „besonders vollflächig tätowiert zu sein“. Jeder kann, wie er mag; stolz kann man da doch höchstens sein, dass man mutig genug ist, zu tun, was man gern will, oder? Zwei Dinge noch, weil ich beides gerade erst im September wieder gefragt wurde. Die Büroklammer hinterm Ohr ist erstens echt und zweitens eines meiner liebsten Motive. Die Idee dazu klang auf urbadisch ungefähr so: (Fräulein sucht kleines feines passendes Motiv, Tätowiererkollege der beauftragten Künstlerin brüllt aus dem Nebenraum) „Machsch halt ä Bürroglammr“, jawoll, Thema abgehakt, auf gehts unter die Nadel. Mein zweitliebstes Motiv ist übrigens die Avocado, im Bild nicht zu sehen. Und natürlich gibt es auch Yogamotive und Fußball und Brille und Kaffee.

Was die Sucht angeht: Ist was dran. Obwohl ich nach dem ersten Motiv lange Jahre pausiert habe, nur das eine, reicht doch, nein, es reichte nicht. Irgendwann wollte ich unbedingt das zweite, und dann kam eins zum anderen. Auch wenn ich aktuell nichts geplant habe, fertig bin ich damit vermutlich noch nicht. Ich hätte auch schon eine Idee, da links.

 

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Über die Autorin

Sandra Walzer ist Fräulein Walzer: freie Texterin, Konzeptionistin und Selbstmarkenexpertin. Und Brillenbloggerin. Und Fußballautorin. Ich schreibe privat seit etwa 30 Jahren, texte beruflich seit 1997 und bin selbstständig seit 2010.

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