Krimi in Cambridge

Und damit steigen wir ein in die herrlich schräge neue Geschichte von Leonie Swann, steigen auf die Dächer über der Stadt, steigen Frauen nach und steigen bis fast zum Schluss nicht durch, wer denn nun, warum denn nur. Schon im Mai ist Leonie Swanns neuer Roman erschienen; erst im August bin ich zum Lesen gekommen, obwohl ich „Gray“ dank Vorbestellung am Erscheinungstag ans Herz drücken durfte. Endlich zur Hand genommen habe ich dieses Buch dann auch nicht mehr aus selbiger gelegt, es sei denn zum Essen, manchmal zum Arbeiten, aber meistens hing ich fest. Herrlich, wunderbar, endlich, uh la la. So in etwa meine Gedanken, und liebe Leonie: Danke. Danke, dass Sie in die Spur zurückgefunden haben, die meine liebste Spur ist.

Leonie Swann, Grey, Buchseite

Mit Glenkill hat die 1975 geborene Frau mit der abgefahrenen Frisur (ja, googeln Sie das) ein Erstlingswerk hingelegt, das dasselbe mit mir getan hat – es hat mich hingelegt, umgehauen, wow. Was für ein Buch. Ein Schaf mit detektivischen Anwandlungen, die ganze Herde mit Mut und Mäh, eine großartige Geschichte. Was danach kam, war schon schön, aber halt auch nicht mehr. Nicht mehr mit dieser Durschlagskraft und dieser Energie, dem Humor, den irrwitzigen Wendungen, wie es Glenkill hatte. Was danach kam, das waren übrigens noch mal Schafe, Flöhe – und jetzt ein Papagei. Tierisch gut drauf, die Autorin? Zum Glück: Ja. Ja ja ja! Endlich wieder. Dunkelsprung (das mit den Flöhen, unter anderem) hat mich anfangs in seinen Bann gezogen, am Ende ratlos und ein bisschen enttäuscht zurückgelassen. Und jetzt das. Ein Papagei und ein Professor mit Knacks, der sehr an den TV-Ermittler Adrian Monk erinnert, was wiederum diese Fundsache im Regal des Fräulein’schen Fundbüros gleich neben der Musik platziert. It‘s a jungle out there.

Bad romance auf Seite 8

Der Student ist also tot, und Dr. Augustus Huff glaubt nicht an einen Unfall. Diese Person des Dr. Huff, ihr wurde so liebevoll Leben eingehaucht, mit auf den Zentimeter zurechtgerückten Buchbeschwerern, dreimal abschließen, ständigem Händewaschen und einer Aversion gegen die Seite 8. Nicht rational zu erklären, und auch nicht offen ausgesprochen, so machen die Ticks des Dr. Huff beim Lesen doch einerseits Freude, andererseits lösen sie bei mir eine sehr konkrete Sehnsucht nach Handcreme aus. Wie er sich aber durchkämpft, wie er seinen Ticks und Zwängen Herr wird und wie er sich daraus befreit, oder sich in ihrem Rahmen zumindest ausdehnt, persönlich, das ist großartig beschrieben und geschrieben. Die heimliche Hauptrolle allerdings muss Dr. Huff dann doch Gray überlassen, dem Titel- bzw. Namensgeber des Romans. Dieser Papagei ist mindestens ebenso schräg wie sein neuer Herr, wenn auch aus eher kriminalistischen Gründen. Sehr intensiv scheint sich Leonie Swann mit den spezifischen Eigenheiten dieser Art auseinandergesetzt zu haben, zumindest schreibt sie das und setzt an den Schluss des Buchs auch noch die Warnung, Graupapageien auf keinen Fall in nicht artgerechter Einzelhaltung zu quälen.

Überhaupt, sie war wirklich auf dem Dach der Chapel, sie hat mit echten Graupapageien zu tun gehabt, und all das nimmt man ihr ab. Es ist in jedem Kapitel und zwischen allen Zeilen zu lesen. Eine Freude ist es, und es bringt zum Lachen. Denn dieser Papagei mit Hang zur Lady-Gaga-Zitaten ist mir ans Herz gewachsen. Zu schade, dass ich so schnell durch war mit dem Buch. Bad romance. Interessant: Wo ich eben über Seite 8 schrieb – diese ist im Roman leer. Uh la la! Ob da Dr. Huff wohl seine gewaschenen Hände im Spiel hatte? Das muss ich die Autorin glatt bei Gelegenheit fragen. Zuzutrauen wäre es ihr.

Daumenkino, Daumenkino!

Was mir außerdem das Fräuleinherz aufgehen lässt, ist ein winzig kleines Fundstück im Fundstück. Oder nein, sogar zwei winzig kleine Fundstücke. Einmal ist da wieder ein Daumenkino in der gebundenen gedruckten Romanausgabe versteckt; Gray, der Papagei, pickt noch ’ne Nuss. Und dann wird Miss Swann im Klappentext kurz vorgestellt mit dem abschließenden Satz:

„Leonie Swann lebt heute umzingelt von Efeu und Blauregen in England und Berlin.“

Eine sehr große Portion meiner Liebe geht an diese Formulierung.

 

Leonie Swann, Gray
Kriminalroman
gebundene Ausgabe, 416 Seiten
Goldmann Verlag, München
ISBN 978-3-442-31443-0