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Brillenträgerin des Monats 10/2015

Brillenträgerin des Monats Oktober 2015: Social Web Ranger, Story Teller, Brillenträgerin

Wibke Ladwig

Wibke habe ich schon einmal beinahe persönlich kennengelernt. Beinahe deshalb, weil sie auf einer Social-Media-Night in Karlsruhe alias SMCKA ihren wunderbaren Ponyhof-Vortrag gehalten hat. Und ich durfte lauschen. Aber da wussten wir gegenseitig noch nicht von uns und wer wir sind, folgten uns erst im Anschluss auf Twitter und merkten dann das mit der Wellenlänge. Und dass wir beide Textinen im weltallerbesten Netzwerk Texttreff sind. Und überhaupt, dass das schon ziemlich gut passt mit uns, auch was die Dackelliebe angeht. Deshalb ist es mir eine besondere Freude, dass Wibke nun im Oktober die Brillenträgerin des Monats ist. Danke, liebe Wibke, und: AUF BALD in echt und Farbe und bunt.

Du nennst Dich Social Web Ranger. Ich sehe eine Art Cowgirl vor mir, eine Frau mit Hut und Hemdsärmeln, mit Energie und Kraft und Lasso und manchmal auf dem Pferd und mit viel Schwung und Mut und Stimme. Und Brille? Wie passt die denn da rein? Oder übersetzt: Erklärst Du uns erst mal kurz, was Du da so tust, als Social Web Ranger?

Der Social Web Ranger ist mein selbsterfundener und mir angewachsener Beruf. Alle vorhandenen Berufsbilder passten einfach nicht zu meinem Tun: Ich begleite Menschen und Unternehmen im Landschaftsraum Internet und entwickle mit ihnen Ideen und Geschichten, mit denen sie sichtbar machen können, was sie im Analogen gut machen. Und über die sie Kontakt mit anderen aufnehmen können. Es geht ums Spurenlesen, Beobachten, Verstehen und Handeln.

Der Ranger kam mir in den Sinn, als ich mich mit den Nationalpark-Rangern in der Eifel beschäftigte. Hey, die machen doch dasselbe wie ich! Dürfte ich nochmal einen Beruf wählen, würde ich Forstwirtschaft studieren und Ranger in der Eifel werden!

Natürlich kamen mir auch die Ranger in den USA in den Sinn, die Vorbild für die Nationalpark-Ranger sind. Das Rustikale an diesem Beruf und stets die Erinnerung ans Leben im Draußen: Das mag ich. Nebenbei ist der Ranger ein gutes Bild, um zwischen dem Digitalen und dem Analogen zu vermitteln und Verständnis herzustellen.

Die Brille: Die ist einfach da, rutscht manchmal oder beschlägt in den ungünstigsten Augenblicken. Aber meistens verschafft sie mir den Durchblick.

Wibke Ladwig, Sinn und Verstand, Social Media Rangerin bei Sandra Walzer

Mittler zwischen Mensch und Internet. Verstanden. Mit Deiner Sinn und Verstand Kommunikationswerkstatt bietest Du Kommunikationsberatung für Unternehmen, persönliche Begleitung im Social Web, gibst Workshops, bist Autorin, Dozentin und und und – ich glaube, ich kriege gar nicht alles aufgezählt. Aber sag mal: Passt die Brille da immer und überall? Oder wird sie Dir manchmal zu viel?

Hm, das klingt immer nach so viel, was ich mache. Nun, es ist viel. Aber man kann so spannende Sachen machen! Das Leben ist bunt, Hoschi, und granatenstark. Da ist es mitunter eine Wohltat, die Brille auszuziehen – und schon schrumpft meine Welt auf eine übersichtliche, flauschig-weichgezeichnete Pusteblume. Alles außerhalb meines Sichtfeldes wird egal und ungefähr. (Vielleicht liegt es daran, dass ich so eine entspannte Haltung zum Putzen habe. Ohne Brille bleiben Wollmäuse lange unsichtbar.) 

Aber beim Lesen nervt die Brille durchaus ab und zu, drückt hinterm Ohr oder an der Nase, kommt mir schwer vor. Und dann weiß ich, dass ich die Augen einfach mal schließen und aufs Ohr umsteigen sollte: Hörbuch, Radio oder Podcast schirmen mich dann noch besser vor der Welt ab. 

Wibke Ladwig, Sinn und Verstand, liest Sasa Stanisic – als Brillenträgerin des Monats bei Sandra Walzer

Und von der brauche ich bei allem Umtrieb meine Pausen. Nur so funktioniert das. Ich brauche wenigstens die Illusion von Freiwilligkeit. Bei Zwang und Fremdbestimmtheit kommt mir meine Sturheit in die Quere und alles wird schwer. Gerade kommt mir der Gedanke, dass natürlich auch eine Brille ein Zwang ist. Aber da es keine Alternative gibt und eine Brille immer noch um Längen besser ist, als die Abhängigkeit von anderen, ist das schon in Ordnung.

Oh, diese wunderbare Bill-und-Ted-Referenz … Das waren noch Zeiten, brillenlose, bei mir. Aber zurück ins Hier und Jetzt und noch mal genauer gefragt: Ich habe das Gefühl, Du bist ständig in Bewegung. Wären Kontaktlinsen da nicht praktischer?

Lustigerweise habe ich mir vor wenigen Tagen erst wieder Kontaktlinsen bei der Optikerin meines Vertrauens beschafft. Lange trug ich sogar fast ausschließlich Kontaktlinsen. Sie waren eine Befreiung, weil mich andere nicht mehr als Brillenschlange wahrnahmen, sondern einfach als … Wibke. Ich guckte mich immer wieder selbst ganz erstaunt an, weil ich einfach keine Ahnung hatte, wie ich eigentlich ohne Brille aussehe. Wenn man mit der Nase vorm Spiegel klebt, sieht man nun nicht so rasend viel. Selfies gab’s damals ja noch nicht. Es war eine peinliche Zeit, weil ich in jedem Schaufenster mein Spiegelbild anstaunte. SO sehe ich also eigentlich aus? DAS bin ich? Die Kontaktlinsen führten als zu einer Art Neuentdeckung meiner Selbst. Und plötzlich ging dann auch wieder Brille.

Das ist spannend, so habe ich das mit den Kontaktlinsen noch nie betrachtet. Vielleicht, weil ich auch ohne Brille noch halbwegs ok sehe … Aber trotzdem: Danke für diese Sichtweise. Ich lerne da gern immer wieder neue Seiten und Perspektiven kennen. Seit wann genau trägst Du denn nun überhaupt Brille? Und in welcher Stärke, wenn Nase vor Spiegel?

Die Brille kam früh zu mir: Meine erste trug ich mit elf Jahren. Ein fürchterlich hässliches Stahlgestell. Vermutlich hätte ich schon viel früher eine gebraucht. Aber ich habe mich in der Schule immer irgendwie beholfen. Mir wäre nicht im Traum eingefallen, dass es auch anders ginge. Bis durch einen Zufall entdeckt wurde, dass ich eigentlich blind wie ein Maulwurf bin. 

Ich stieg dann gleich mit 2,75 Dioptrien ein. Momentan bin ich bei 6,5 Dioptrien, wobei der Wert sei Jahren konstant ist und sich eher – bei sich verändernder Hornhautkrümmung – leicht bessert.

Weil Du vorhin schon von einer “peinlichen Zeit” gesprochen hast: Gibt es da noch mehr? 

Ein peinliches, wenngleich eher unspektakuläres Erlebnis bescherte mir ausgerechnet der Nikolaus. Als Herr in gesetztem Alter sollte er doch eigentlich Verständnis für die Probleme einer Brillenträgerin aufbringen, oder? Es muss in meinem ersten Jahr mit Brille gewesen sein, als mich der gute Mann bei der jährlichen Nikolausfeier im Reitverein vor dem amüsierten Publikum rügte. Er habe im Goldenen Buch lesen müssen, dass ich im Reitunterrichte immer schimpfe wie ein Rohrspatz. Hey, jedesmal, wenn ich aus dem Trab zum Halten durchparieren sollte, schwupp, war ich blind! Brille beschlagen, zack. Und da soll man nicht schimpfen … Nun, ich war elf oder zwölf. Vor Publikum nach vorn gebeten zu werden, um mir eine Standpauke anzuhören, empfand ich als zutiefst beschämend. Im Nachhinein glaube ich, dass das eigentlich liebevoller Spott war. Diese Erwachsenen, ey!

Das Problem mit der beschlagenen Brille beim Reiten in der kalten Jahreszeit hat sich übrigens erst lange Zeit später lösen lassen, als die samtigen Schwitzkästen auf dem Reiterkopf durch besser belüftete Modelle ersetzt wurden. 

Küssen mit Brille ist ja auch so eine Sache … Insbesondere wenn beide eine Brille tragen. Wahaha. Das Harmloseste sind noch die Nasenabdrücke auf der Brille. Die verteilte allerdings auch unser Dackel damals mit Vorliebe, wenn er haifischartig mit der feuchten Lakritznase vorstieß und einen saftigen Schmatzer auf der Brille hinterließ. Ich glaube, er liebte mein Quieken. 

Ich erinnere mich auch noch gut daran, als ich zum ersten Mal (harte) Kontaktlinsen Probe trug. Ich saß mit weit aufgerissenen Augen in der Caféteria der Bonner Uni und war unfähig, zu zwinkern. Großes Kino für all meine Freunde, die mich in dieser Stunde dort trafen. 

Ach je ach ja, die Dackeltapsen. Die kenne ich auch. Man liebt sie einfach zu sehr, als dass so etwas ärgern könnte, nicht wahr … Besitzt Du mehrere Brillen, zum Wechseln, falls mal die Sicht beeinträchtigt ist? Und trägst sie auch?

Grundsätzlich finde ich den Gedanken, mehrere tragfähige Brillen zu besitzen äußerst reizvoll. Tatsächlich habe ich immer nur eine Brille in Gebrauch. Natürlich liegen hier die ausgelutschten, alten Brillen mit den Stärken vergangener Tage herum. Man weiß ja nie, Ersatzbrille und so. Leider sind einigermaßen leichte und dünn geschliffene Gläser für meine Brille immer eine Investition. Will man dann noch ein einigermaßen stabiles Gestell, wird’s teuer. Und da ich mit Brille reite oder Rad fahre, brauche ich ein ordentliches Gestell, das etwas aushält. Was letztlich bedeutet, dass ich meine Brille immer solange trage, bis sie quasi auseinanderfällt oder sich auflöst. Gerade geschehen.

Deshalb tippe ich erfreut mit neuem Gestell und frisch angepassten Gläsern vor mich hin und fühle mich luxuriös gut (aus-)sehend.

Wie schön, und wie gut das dann jetzt grade passt! Dazu noch ein Kompliment, an dieser Stelle und von Herzen: Ich mag das neue Modell sehr gern. Steht Dir hervorragend. Also bitte weiter luxuriös gut aussehend fühlen. Und nun, Hand aufs Herz: Wie gehst Du mit Deiner Brille um?

Eine Brille ist für mich ein selbstverständlicher Gebrauchsgegenstand, auf dessen Unversehrtheit ist angewiesen bin. Auf der einen Seite achte ich daher durchaus darauf, ob sie sicher und nicht auf den Gläsern und nicht in Reichweite meiner vier Buchstaben liegt. Auf der anderen Seite schludere ich aber mit der Pflege. Die Unart, die Gläser mit Pulli oder Papiertaschentuch sauber zu rubbeln habe ich zwar abgelegt und ich benutze brav weiche Brillenputztücher. Aber ich nehme mir bei einer neuen Brille immer vor, pfleglicher mit ihr umzugehen, was aber im Alltag wieder rasch untergeht. Eine liebevolle Grundreinigung bleibt daher die Ausnahme.

Und welches sind die größten Probleme, die Du mit Brille hast? Vom Beschlagen hast Du ja schon gesprochen. Gibt’s noch etwas? 

Ich trage nun schon so lange Brille, dass ich die meisten Probleme schlicht nicht mehr wahrnehme. Das größte Problem bleibt, ohne Brille meine Brille wiederzufinden, wenn ich sie mal verlegt habe …

Was wirklich nervt, ist das Gehampel mit der Sonnenbrille. Ich habe eine mit geschliffenen Gläsern. Aber die muss man zum einen dann auch schlicht dabei haben. Und zum anderen ist man ständig damit beschäftigt, zu wechseln. Mal eben lässig die Sonnenbrille ins Haar schieben und bei Bedarf cool auf die Nase rutschen: nö. Durchaus ein Argument für Kontaktlinsen an sonnigen Tagen, weil man dann wenigstens mal eine von diesen mondänen, überdimensionalen Puck-die-Stubenfliege-Sonnenbrillen tragen kann.

Wibke Ladwig, Sinn und Verstand, mit Sonnenbrille bei Sandra Walzer

Schwimmen ist auch so eine Sache. Ich finde Schwimmbäder sowieso total doof und meide sie nach Möglichkeit. Allein die Luft dort – bäh! Aber ein stiller, ruhiger See vermag mich durchaus zu locken. Oder der fast obligatorische Pool auf den Campingplätzen in Südfrankreich. Tja. Mit Brille? Doof. Ohne Brille? Auch doof.

Segeln, Kajak fahren, in einem Bötchen herumpaddeln: Würde ich vielleicht öfter machen, wenn ich nicht in Sorge um meine Brille wäre. Ich habe zwar so ein Haltebändchen. Aber wirklich traue ich dem nicht. Da sind dann Kontaktlinsen praktischer. Solange man nichts ins Auge bekommt, vor allem kein Salzwasser, oder der Wind zu scharf bläst.

Zelten tut mir in der Seele wohl. Blöd nur, wenn man in kühleren Nächten raus muss, zur Brille greift und die dann erstmal beschlägt. Oder man beim schlaftrunkenen Griff in die Seitentasche des Zelts erstmal auf die Gläser packt. Grmpf.

Und eigentlich sähe ich gern mal die Sterne, wenn ich am späten Abend vorm Zelt herumliege. In der Eifel oder in Südfrankreich sieht man ja plötzlich sehr viele Sterne, absurd viele Sterne, das gibt’s ja gar nicht. Aber eben nur mit Brille.

Ooh ja. Ich verstehe, was Du meinst. Ich liebe meine Brillen, wirklich, und doch gibt es diese Momente. Die Momente, in denen sie eben stört. Bei mir ist das der (aktive) Fußball, oder einfach das wohlfühlige Herumliegen, Hände unter dem Kopf und … aua. Brille im Weg. Oder manchmal auch tagsüber, wenn der Kopf dröhnt bei all den Aufgaben im Job. Du stehst oft auf der Bühne, zum Beispiel als Sprecherin oder Workshop-Halterin oder oder … Ist die Brille für Dich da eine Art „Schutz“, oder wärst Du eher froh, Du würdest Dein Publikum gar nicht so genau oder so scharf sehen?

Darüber habe ich mir erst in den letzten Tagen Gedanken gemacht, weil ich mir wieder ein recht strenges Gestell ausgewählt habe. Wenn Brille, dann eben eine richtigeBrille. Fassungslos oder unauffällig ist nicht meins. Als Jugendliche und auch während meiner Zeit an der Uni habe ich mitunter unter der Distanz gelitten, die offenbar zwangsläufig durch eine Brille eintritt. Damals waren Brillen gerade bei Mädchen bzw. jungen Frauen überhaupt noch nicht cool, ganz im Gegenteil. Das hat sich erst in den letzten Jahren geändert, als es plötzlich weibliche Nerds und tolle Frauen mit Brille gab. 

Inzwischen weiß ich die Brille als Mittel zum Spiel mit Strenge zu schätzen. Ich sagte zu meiner Optikern bei der Wahl meiner neuen Brille: „Die nehme ich, die wirkt so schön streng. Da sitzt mein Publikum gleich ein bisschen gerader.“ Wir lachten uns beide ein bisschen kaputt. Ich muss aber auch sagen, dass mich die Möglichkeit zur Wahl zwischen Kontaktlinsen und Brille in dieser Hinsicht sehr entspannt hat. Ich mag mein Brillenschlangendasein viel lieber, seitdem ich sie auch mal wegzaubern kann. 

Wibke Ladwig, Social Media Rangerin und Brillenträgerin bei Sandra Walzer

Ich fände es übrigens eher beunruhigend, wenn ich mein Publikum nicht scharf sähe. Ich könnte nicht sehen, was für Gesichter sie machen und wer da eigentlich vor mir sitzt. Was ich schade fände. 

Ich kenne Dich unter anderem von #printtwitter. Erzähl mal: Liest Du Zeitungen und Bücher mit Brille? Gibt’s vielleicht sogar eine extra Lesebrille?

Glücklicherweise brauche ich noch keine Lesebrille. Vor diesem Tag fürchte ich mich ein wenig, denn das erlebe ich bei anderen als furchtbar unpraktisch. Ich müsste dann ohnehin eine Gleitsichtbrille haben. O Graus! Ungefähr fünfzehn Zentimeter vor meiner Nase wird es ohne Brille unscharf. Reicht übrigens genau, um mit einem Buch abzutauchen und der Welt für eine Weile die kalte Schulter zu zeigen. Zeitungen sind wegen ihrer Größe ohne Brille nur unter Schwierigkeiten zu lesen. Da brauche ich die Brille und ich lese Zeitung bevorzugt vor mir ausgebreitet am Tisch. Und eigentlich auch nur beim Frühstück in der Printausgabe, über Tag dann online.

Du hast mal über Lampenfieber geschrieben. Hast Du da einen Trick, oder vielleicht auch einen Tick, wenn Du nervös bist? Brille nach oben schieben, zum Beispiel? Oder Brillenbügel ankauen?

Das (für einen selbst) Enervierende und (für andere) Erheiternde ist, dass Ticks in der Regel von dem „Tickenden“ unbemerkt bleiben. Das Hochschieben der Brille habe ich selbst erst bemerkt, als ich Kontaktlinsen trug und plötzlich mehrfach am Tag meinen Zeige- oder Mittelfinger auf meiner Nasenwurzel wiederfand. Nanu, was macht der denn da? 

Intensives Nachdenken und sich formierende Gedanken bei gleichzeitiger emotionaler Aufruhr lassen mich an der Oberlippe zupfen. Außerdem raufe ich mir offenbar ständig die Haare, weshalb Frisuren kaum eine Chance haben und ich immer struppig bin. Wahrscheinlich gibt es eine ganze Reihe weiterer Ticks, deren ich mir nicht bewusst bin. 

Tricks gegen Lampenfieber gibt es. Die haben aber eher mit Atmen, Summen und Bildern zu tun als mit der Brille. Was mich allerdings richtig nervös macht, ist eine unablässig rutschende Brille.

Auf Bildern sehe ich Dich mal mit, mal ohne Brille. Wie fühlst Du Dich wohler? Und warum? 

Ich habe lange unter meiner Brille gelitten. Ausgerechnet mit Beginn der Pubertät und mit den zwangsläufigen schrecklichen körperlichen Veränderungen auch noch mit Brille und fester Zahnspange geschlagen worden zu sein, hing mir lange nach. Ich war ein dürres, verunsichertes Klappergestell. Hänseleien treffen in dem Alter tief und man hat was fürs Leben. Gut, dass ich immer die Pferde hatte, denen das alles ziemlich wurscht war. 

Mittlerweile macht sich mein Wohlbefinden nicht mehr an Brille oder Nicht-Brille fest. Es gibt aber nach wie vor Tage und Situtationen, da fühle ich mich ohne Brille schöner oder mit Brille klüger.

Wibke Ladwig, Brillenträgerin des Monats bei Sandra Walzer

Wibke und das neue Modell

Die Sache mit den Frauen auf dem Podium … Mich würde interessieren: Du triffst unfassbare Mengen an Menschen. Hast Du etwas, von dem Du sagst oder denkst: „Typisch Brillenträger“? Etwas, das Brillenträger anders machen, wo sie anders reagieren …?

Famose Frage, die mich vermutlich künftig aufmerken und mehr auf so etwas achten lassen wird. Bei näherem Hindenken habe ich schon den Eindruck, dass Brillenträger sich umsichtiger bewegen. Was man mit Brille zwangsläufig lernt. Und mir kommt es oft so vor, als ob Brillenträger Menschen genauer mustern. Da sehe ich dann wache und blitzende Augen hinter Brillengläsern und denke bei mir: „Na, Du glaubst, ich merke das nicht? Ha! Ich hab’s genau gesehen, dass Du genau hingesehen hast!“ 

Ich stelle für mich fest, dass ich selbstbewusste Brillenträgerinnen und Brillenträger zunächst mal mit einem solidarischen Sympathievorschuss wahrnehme. Und ich finde es immer spitze, wenn jemand ein schönes Brillengestell trägt und preise das dann auch gern. 

Danke für das “famos”, das freut mich. Sehr gerne also. – Mir fällt noch etwas ein. Storytelling ist Dein großes Thema. Hattest Du Brillen vielleicht sogar schon mal als Thema?

Nein, aber jetzt wo Du’s sagst, bekomme ich große Lust darauf, Brillen in Geschichten einzubauen oder Geschichten mit Brillen zu erzählen :-).

Na, da wäre ich natürlich sofort mit von der Partie. Ich bin gespannt, was hier vielleicht noch entsteht … 
So oft in der Öffentlichkeit zu stehen ist ja auch immer eine Herausforderung in Sachen Outfit. Spielt die Brille da eine Rolle für Dich?

Vor einer Weile entdeckte ich die Rockabilly-Mode für mich: Punkte, Blumen, Schiffsanker, schwingende Röcke und Kleider! Gerade für die Öffentlichkeit spitze geeignet, weil man einfach schneller gefunden oder gesehen wird. Und die meisten Leute erstmal mehr mit dem vielen Bunt und Anders beschäftigt sind, was einem Raum verschafft. Zu diesen Kleidern und Röcken passt eine Brille, also eine normale Brille, gar nicht mal so gut. Manchmal geht es nicht anders, weil ich müden Augen in klimatisierten Räumen keine Kontaktlinsen aufzwänge. Körperliches und seelisches Wohlbefinden geht schlicht immer vor. 

Zur Brille mag ich dann lieber strengere Kleidung in Variationen von Schwarz, Schwarz-Rot oder Schwarz-Grün. 

Momentan stehe ich wieder total auf meine fuchsbraunen Cowboy-Stiefel. Kein Wunder, dass meine neue Brille braun schimmert.

Rockabilly-Mode! Mich wundert immer weniger, dass wir zwei so gut miteinander “funktionieren”. Der Aspekt mit “viel mit dem Bunt und Anders beschäftigt verschafft Raum” ist super. Habe ich so noch nicht gesehen, stimmt aber. Das könnte ich ebenfalls noch mehr nutzen. Zum Schluss ein klitzekleiner Ausflug ins Privatleben, auch wenn Du davon schon erzählt hast: Du reitest also gern. Wie ist es denn da jetzt genau mit der Brille? Das mit dem Beschlagen und dem Helm kann ich nachvollziehen. Mich selbst drückt die Brille schon unter der Wollmütze. Und vor allem – was ist, wenn Du mal stürzt?

(Ich stelle gerade fest, dass ich eigentlich vorm fröhlichen Drauflosbeantworten alle Fragen erstmal hätte durchlesen sollen. Prust. Man verzeihe mir bitte eventuelle, klitzekleine Wiederholungen. Die Episode mit dem Beschlagen der Brille hatte ich oben bereits geschildert.) Beim Reiten stört mich die Brille nicht, so sie denn gut sitzt und nicht beim Schwitzen rutscht. Kürzlich erhielt ich recht unerwartet eine beachtliche Flugstunde. Ich bin zwar paniert und mit schmerzenden Knochen, aber dafür mit ordnungsgemäß sitzender Brille wieder aufgestanden. In meinem Reiterleben bin ich zigmal heruntergesegelt, vor allem als ich noch Springen ritt und in den Schul- und Semesterferien auf Reiterhöfen arbeitete. So ein Sturz ist nicht weiter ungewöhnlich und gehört zum Reiten dazu. Gerade bei jungen und ungestümen Pferden trennen sich schon mal unfreiwillig die Wege. Ich hatte immer Glück, dass außer ein paar Prellungen nichts passierte. Toi, toi, toi!

Viel eher stört mich die Brille im Umgang mit den Pferden. Wenn man am lebenden Tier herumfummelt, kommt es zwangsläufig zu unfreiwilligen Kollisionen von Körperteilen. Pferdekopf gegen Brille hat sich hierbei als die ungünstigste Variante erwiesen. Da stand man dann plötzlich mit schiefer Brille oder, zack, war ein Bügel ab. Auch bei Arbeiten im Stall war das mitunter nervig, zum Beispiel beim Abladen von Heuballen. Die wiegen mal eben ca. zwanzig Kilo und spätestens nach dem 20. oder 30. werden die Bewegungen etwas unkoordiniert und man schleudert sich selbst die Brille in den Dreck. 

Wibke Ladwig mit Pferd bei Sandra Walzer

Ich hatte als Jugendliche eine Sportbrille. Das waren die seligen Zeiten, als die Krankenkassen nicht nur die kompletten Kosten für eine Brille übernahmen, sondern sogar eine Sportbrille zahlten. Was habe ich dieses Ding gehasst! Hässlich wie die Nacht (was etwas heißen will bei den grundsätzlich fürchterlichen Brillen damals) und dann auch noch diese übertrieben gebogenen Bügel, die sich immer ins weiche Fleisch bohrten. Aber es hilft nichts. Kontaktlinsen sind wegen Haarestaubheudreck keine gute Option. Entweder Brille und Pferde. Oder Brille und keine Pferde. Und Letzteres kommt nun mal für mich nicht in Frage.

Und weil wir zwar schon richtig viel hier stehen haben, ich persönlich aber einfach nicht genug von Wibkes Geschichten bekommen kann, hier noch ein paar interessante Gedanken, die ich so ähnlich auch schon mehrfach hatte. Will ich niemandem vorenthalten. 

Beim Nachdenken über Deine Fragen kam mir übrigens gleich Harry Potter in den Sinn. Obschon er mich in den Büchern damals hier und da nervte, fand ich einen Brillenträger als Helden einer Geschichte sehr sympathisch. Und die Illustratorin Sabine Wilharm hatte einen ziemlich coolen Harry Potter für die Buchumschläge beim Carlsen-Verlag gezeichnet, den ich viel lieber mag als den eulenäugigen Harry Potter der Filme.  

Ist es nicht ungerecht, dass Brillen nicht ganz selbstverständlich in Filmen und Büchern auftauchen? Entweder ist sie ein Zeichen von Alter oder Gebrechlichkeit (die kleine Omi mit Brille oder der weise, alte Mann mit Nickelbrille) oder sie muss erst vom Frauengesicht entfernt werden, um ihre Verwandlung vom häßlichen Entlein in den stolzen Schwan zu illustrieren. Kommt selten auch bei Männern vor. Komischerweise tragen die dann aber keine Kontaktlinsen, sondern kommen bestens ohne Brille aus. Manchmal sind Brillen auch Utensil in Komödien und es hat immer etwas mit Tolpatschigkeit zu tun. Natürlich gibt es dann auch die Strebertypen und die klassischen Nerds, die Brillen tragen. 

Selbst die eigentlich kurzsichtigen Schauspieler tragen dann allerdings Kontaktlinsen und eine Brille mit Fensterglas. Ich nehme an, dass echte Brillen Schwierigkeiten beim Filmen machen. Ich stelle das zumindest immer wieder bei Fotos fest, dass die Spiegelung und Brechung von Brillengläsern manchmal ziemlich verrückte Effekte macht. 

Oh, und zum Bild mit den Abdrücken auf der Nase: DAS HASSE ICH! Vielleicht wird’s ja mit der neuen Brille wieder besser. Die alte drückte nämlich zuletzt. Aber diese roten Druckstellen sind ätzend.

Liebe bunte wunderbare Wibke: Danke für Deine ausführlichen Antworten und Geschichten und Gedanken. Das hat riesigen Spaß gemacht – ich hoffe, nicht nur mir. Bis bald, dann ganz in echt.

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Über die Autorin

Sandra Walzer ist Fräulein mit Brille: Storyteller, Brillenbloggerin. Ich erzähle die Geschichten durch zwei Gläser gesehen und kämpfe gegen die Tücken und Flecken des Brillenträgerinnenalltags.

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