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Sandra Walzer, Fräulein Ideenfinderin

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Brillen-Quartett

Das Brillenblog ist noch nicht lange am Start, schon hat es eine Anfrage bekommen. Also, ich habe die Anfrage bekommen, ob … Ach. Noch mal von vorn. Es gibt unzählige Brillenmenschen um mich herum, noch mehr, als ich dachte. Und so fragte mich @eimerchen auf Twitter, ob denn ein Gastbeitrag interessant für mich wäre?

Aber klar ist er das, und wie. Liebes @eimerchen: Ich freue mich, dass Du Deine Erfahrungen zum Thema Sport mit Brille mit uns teilst. Vor allem, weil es hier nicht um “ein bisschen hin und her Wackeln” geht, sondern um’s Eingemachte. Um etwas, wo es wirklich drauf ankommt, dass die Brille sitzt. Und nebenbei geht es auch noch um dezente Brillen, laute Brillen … Lest einfach selbst, hier kommt ihr Gastbeitrag.

Gastbeitrag: @eimerchen

Während ich den Eintrag von @Fraeulein_Idee über ihre Brillennutzung, oder besser Nichtnutzung beim Yoga las, fiel mir wieder ein, wie ich mich noch vor Kurzem erst zum allerersten Mal durch meine Brille massiv eingeschränkt fühlte und welche Lösung sich dann dafür ergab. Aber von Anfang an.

Obwohl jedes Mitglied meiner Familie bereits in jungen Jahren zum Brillenträger wurde, wuchs ich brillenfrei auf. Erst in meinem zweiten Studienjahr ertappte ich mich dabei, kopfschmerzbedingt im Hörsaal Sitzreihe um Sitzreihe nach vorne zu wandern. Irgendwann reichte aber auch die erste Reihe nicht mehr aus und mir fiel ein, dass ich vielleicht mal an meine genetische Herkunft denken sollte und machte mich auf zum Augenarzt. Der stellte auch prompt fest, dass meine Guckerchen nicht mehr ganz die Familienstreber sind. Allerdings lachte meine Familie mich mit meinen -0,25 Dioptrien gehörig aus, was für ein Anfänger unter lauter “-5 und viel mehr”-Blindschleichen.

 

Ich hingegen erfreute mich an der plötzlich kristallklaren Sicht auf Schilder auf der Autobahn schon aus weiter Entfernung und der Möglichkeit wieder in der letzten Reihe der Vorlesung folgen zu können. Für mehr als beim Autofahren und in der Uni benötigte ich die Brille damals noch nicht, der Arzt meinte sogar, dass ich auch warten könne, bis ich bei -0,5 lande. Aber ich war schon während der Untersuchung so begeistert von der neu entdeckten Schärfe der winzigen Buchstaben, die am anderen Ende des Zimmers an der Wand hingen, dass ich mir diese Steigerung in Lebensqualität nicht entgehen lassen würde.

Da es nun meine allererste Brille werden sollte, beschloss ich die Flucht nach vorne anzutreten: mein erstes Modell durfte ruhig etwas “lauter” sein. Es wurde eine Brille mit dickem, dunkelrotem Rand.

@eimerchen von Twitter mit Gastbeitrag bei Fräulein Walzer

Für mich war das damals recht gewagt, es war aber auch eine Art Accessoire, hinter dem ich mich ein wenig verstecken konnte. Mein Brüderchen ließ es sich nicht nehmen, die Situation zu kommentieren: “Na, bist Du wohl doch kein Findelkind.” Charmebolzen.

Wie schon in all den Jahren zuvor als Kind und Jugendliche, trieb ich in dieser Zeit auch weiterhin Sport ohne Brille. Nach zu diesem Zeitpunkt bereits über 15 Jahren auf dem Hockeyplatz war mein Schläger-Ball-Gefühl hinreichend trainiert, dass es mir nicht einmal auffiel, dass der Ball verschwommener aussah; ich traf ihn immer noch und die Pässe kamen nach wie vor bei meinen Mitspielerinnen an. So weit so gut.

 

In den folgenden Jahren nahmen meine Augen Vierteldioptrieschritte in Richtung weiterer Kurzsichtigkeit, bis sie sich bei -2,00 und -2,25 einpendelten. Das ist immer noch nicht viel im Vergleich zu meiner Familie, aber es reicht, um ohne Brille recht verloren zu sein. Irgendwann auf dem Weg dahin begann ich, die Brille den ganzen Tag zu tragen. Erneut begannen die Kopfschmerzen, aber nachdem ausgeschlossen war, dass sich meine Sicht weiter verschlechtert hatte, vermutete ich, dass es am Gewicht der Brille liegen könnte. Beim nächsten Gläserwechsel suchte ich mir auch ein neues Modell aus und achtete darauf, dass es möglichst leicht war.

Mein nächstes Modell wurde also eine rahmenlose, sehr dezente Brille, die ich auch bis heute noch trage. Sie ist so leicht, dass ich manchmal vergesse, dass ich sie trage und mir auf die Gläser patsche. Dank der flexiblen Bügel ist sie zusätzlich sehr kompatibel mit den noch leicht grobmotorisch verabreichten Streicheleinheiten meines Neffen.

@eimerchen von Twitter mit Gastbeitrag bei Fräulein Walzer

Das alte Modell kommt auch heute noch ab und an zum Zuge. Als jemand, der es nicht mag, sich zu schminken und es damit im Grunde auch so gut wie nie tut, setze ich gerne damit bei manchen Anlässen einen Farbakzent. Mit dann jeweils relativ kurzer Tragezeit bleiben so auch die Kopfschmerzen aus.

 

Zum Hockey begann ich irgendwann Kontaktlinsen zu tragen. Allerdings konnte ich mich nie so recht daran gewöhnen und es war immer ein Krampf, sie einzusetzen. Meine Augen mochten sie auch nicht so wirklich gerne, schnell brannten sie und so wischte ich mir die Dinger jedes Mal beim Abpfiff sofort wieder raus. Und ja, alle Varianten an Linsen hatten ihre Chance, mich von ihrer Praktikabilität zu überzeugen. Aber selbst wenn ich sie besser vertragen hätte, mittlerweile fühlte ich mich ohne Brille sogar regelrecht nackt. Das Linsenproblem erübrigte sich dann, denn ich konnte bald berufsbedingt nicht mehr Hockey spielen. Und anstatt neue Linsen zu kaufen, gönnte ich mir eine geschliffene Sonnenbrille, welch ein Luxus, eine Steigerung in der Lebensqualität bei entsprechender Wetterlage.

@eimerchen von Twitter mit Gastbeitrag bei Fräulein Walzer

Es sollte fast sieben Jahre dauern, bis mir endlich meine berufliche Situation wieder erlaubte, meinem Herzenssport nachgehen zu können. Nur wie sollte ich als Brillenträger mit Linsenunverträglichkeit dies anstellen. Zum ersten Mal fühlte ich mich von dem Gestell auf meiner Nase, welches ich eigentlich ganz lieb gewonnen hatte, ziemlich eingeschränkt. Es musste eine Möglichkeit geben, ich konnte doch nicht der einzige brillentragende Sportler sein, der Linsen meidet?

 

Ich beschloss zunächst mal wieder zum Augenarzt zu gehen, ich war dort eine ganze Weile schon nicht mehr vorstellig geworden. Eine weise Entscheidung, denn zu der Kurzsichtigkeit war offenbar noch ein Astigmatismus hinzugekommen und er verschrieb mir neue, stärkere Gläser. Dann ging ich zum Optiker meines Vertrauens und bat um Rat. Man präsentierte mir einen Prospekt über Sportbrillen, speziell für die Sportarten, die nicht unbedingt ganz so unruppig sind wie Hallenhalma.

Wir fanden ein Modell und eine Woche später konnte ich das gute Stück einsammeln. Der dicke Rahmen, die Gummi-Polsterung am Nasenflügel und um die Augen herum, die Sicherheitsgläser, alles machte einen ziemlich stabilen und sicheren Eindruck.

@eimerchen von Twitter mit Gastbeitrag bei Fräulein Walzer

Ich war gespannt, wie sie sich beim Tragen anfühlen würde und ziemlich aufgeregt, ob ich ohne Einschränkung damit würde spielen können. Wenige Tage später ging ich zum ersten Training und benahm mich wie der Brillenanfänger schlechthin: ich setzte die neue Sportbrille mit der für mich noch ungewohnten Schärfe erst beim Betreten des Feldes auf und hielt mich nach einer halben Runde Warmlaufen erstmal an der Bande fest. Der Platz schwankte, ich war erbärmlich seekrank. Ganz abgesehen davon, hatte ich natürlich auch noch mit der mangelnden Kondition zu kämpfen und so musste ich mich alle paar Minuten für einen Moment lang hinhocken und den Boden festhalten, der mir andauernd bedenklich näher kam.

Es wurde noch schlimmer, als wir nach dem Einschlagen ein paar Dribbel- und Doppelpassübungen machten: Kopf hoch, nach rechts, links, hinten, unten gucken, auf den Ball, auf den Gegner, auf die Mitspielerin, aufs Tor. Blitzschnell und intuitiv wie früher, versuchte ich die Passwege und Bewegungsabläufe zu lesen, dabei stets darauf bedacht, nicht auf den Platz zu reiern. Was für ein Auftakt. @eimerchen von Twitter mit Gastbeitrag bei Fräulein Walzer

Nach 90 Minuten, die sich wie Ewigkeiten anfühlten, stieg ich ächzend und stöhnend ins Auto, ich war fix und fertig, mir tat alles weh und mein Magen war nur mäßig begeistert. Aber auf dem Nachhauseweg überkam mich ein extremer Glücksflash, ich war emotional unfassbar high. Die Anfangsschwierigkeiten erschienen plötzlich sehr nebensächlich, fast wie nur geträumt, sie würden eh bald verschwinden, so hoffte ich. Das Wichtigste war erreicht: ich konnte endlich wieder Hockey spielen. Eines der schönsten Geburtstagsgeschenke für mich.

 

Das war im April, in der Tat exakt an meinem Geburtstag. Mittlerweile habe ich an mehreren Trainings und Punktspielen teilgenommen, in Kürze geht die Saison zu Ende und die Sommerpause naht. Mit der Sportbrille hatte ich seit dem zweiten Training keine Probleme mehr. Sie komplettiert nun mein Brillen-Quartett.

@eimerchen von Twitter mit Gastbeitrag bei Fräulein Walzer @eimerchen von Twitter mit Gastbeitrag bei Fräulein Walzer

Sport mit Brille – was sind Ihre Erfahrungen? Ich war erst skeptisch, als ich über @eimerchens Sportbrille las, aber das Konzept klingt interessant. Vielleicht wäre die was für mich … Und Sie? Wie machen Sie als Brillenträger Sport? @eimerchen und ich freuen uns auf eure Kommentare. Und wer noch mehr vom @eimerchen lesen mag, kann das hier im Blog tun.

Über die Autorin

Sandra Walzer ist Fräulein mit Brille: Storyteller, Brillenbloggerin. Ich erzähle die Geschichten durch zwei Gläser gesehen und kämpfe gegen die Tücken und Flecken des Brillenträgerinnenalltags.

Kommentare

  • Ute
    30. Juni 2015

    Ich würde mir wünschen, wenn man auch bei Gastbeiträgen ein Foto vom Brillenträger sehen kann. 🙂 Sonst ist das doch irgendwie… hrmpf… unpersönlich. Es geht schließlich um ein Gesichtsding. Stelle mich auch gern mal für einen Gastbeitrag zur Verfügung, hätte auch schon eine Themenidee oder sogar gleich zwei. Liebe Grüße, Ute

  • Manfred
    10. Juli 2018

    Ein schöner Beitrag darüber, wie eine richtige Brille die Lebensqualität von Menschen mit verminderter Sehkraft wieder herstellen kann! Meine Frau trägt jetzt seit fünf Jahren eine Brille und musste sich zunächst daran gewöhnen. Mit dem richtigen Modell jedoch ist sie jetzt super zufrieden im Alltag und kann wieder richtig durchstarten!

    • Fräulein Walzer
      10. Juli 2018

      Dankeschön und ja, es überrascht mich selbst jedes Mal wieder, welchen Unterschied das doch macht – bereits mit geringer Stärke. Alles Gute, auch für Ihre Frau.

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