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Sandra Walzer, Fräulein Ideenfinderin

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Brille absetzen, bitte

Da ist ein Wunsch. Ein tiefer, inniger, sehnsüchtiger Wunsch. Ich wünsche mir, die Brille absetzen zu können und damit die Augen vor der Welt zu verschließen. Nicht für immer, nein, das wäre der falsche Weg und wird ja auch immer wieder angemahnt, nein nein, wir dürfen die Augen nicht verschließen. Aber was „wir“ dürfen oder nicht dürfen, was ich darf oder nicht darf, das weiß ich nicht mehr. (Habe ich es je gewusst?) (Gute Frage.) Es ist schwierig geworden.

Schwieriger als früher, als Mama und Papa gesagt haben, nein, mit den Füßen auf den Tisch, das darfst Du nicht, nein, nach Mitternacht heimkommen darfst Du nicht. Wobei ich bei Letzterem viele Freiheiten hatte, da will ich gar nicht jammern. Und heute? Darf ich heute jammern? Muss ich? Soll ich? Kann ich? Will ich? Ich weiß nicht mehr, was ich will, und das ist, was mich erschreckt. Immer wieder passiert Schreckliches auf der Welt, das war schon immer so, das wird so sein, lange nachdem ich von dieser Welt gehen durfte oder musste. Früher sprachen wir in der Familie über Katastrophen, in der Schule. In den Neunzigern trafen wir uns in den Pausen zur Mahnwache, zündeten Kerzen an gegen den Golfkrieg und all die Gewalt. Irgendwann, ich weiß nicht mehr wann, lief ich mal in grünen Stahlkappendocs bei einer Demo gegen Rechts mit, Richtung Hauptfriedhof. Das durfte ich, war angemeldet. Und ich warf keine Dinge auf niemanden und nichts, darf man schließlich nicht. Oft war ich im Fußballstadion, da warf ich auch nichts, darf man ja nicht, aber ich rief. Dinge, die ich heute nicht mehr rufen würde. Dinge, die man … naja. Vielleicht rufen darf, aber nicht sollte. Durfte ich das? War mir egal, ich tat es eben. Ich schwänzte Schulstunden, um Fußball-Eintrittskarten zu kaufen. Durfte ich nicht, machte ich aber.

Rechts überholt

Ich bin schon schwarzgefahren (kann ich heute nicht mehr, viel zu schlechtes Gewissen), ich habe schon rechts überholt und bin bei Rot über die Ampel gegangen. Verurteilen Sie mich, wenn Sie wollen. All das durfte ich nicht, und tat es doch. Und noch ganz anderes. Ich hatte meine Meinung, und nicht immer hielt ich damit hinter dem Berg. Und heute? Will ich immer noch eine Meinung haben. Meine. Aber ich finde sie nicht, oder nicht immer. Oder nicht schnell genug. Der verschlungene Weg durch diesen Dschungel der Emotionen und Gedanken und Argumente, er ist nahezu undurchdringlich geworden.

Brille unscharf bei Sandra Walzer alias Fräulein Walzer, freie Texterin, Konzeptionistin und Brillenbloggerin

Ich lese, online, offline, und denke. Und denke, ja, doch, ich teile diese Meinung. Und dann lese ich mehr und lese weiter und lese andere Argumente, die mir genauso einleuchten. Hm. Ja, gut, ändere ich meine Meinung. Das darf man; das sollte man hin und wieder sogar. Zumindest hinterfragen. Und wenn ich weiterlese, dann lese ich noch hundert Argumente, und viele davon klingen durchdacht und logisch und fundiert. Oder vielleicht auch nur wenige, aber dennoch: Meine Meinung bleibt auf der Strecke. Ich weiß nicht mehr, und ich weiß nicht weiter. Das macht mir Kopfschmerzen. Nehme ich eine Tablette? Darf man das? Klar darf man, aber ich mag das nicht so. Ich nehme selten Medikamente, und mit dröhnendem Kopf oft zu spät.

Aber so viel Kopfschmerzen, wie mir die Welt grade bereitet, so viele Tabletten sind wohl tatsächlich nicht gut für mich. Da darf ich dann doch getrost sicher sein. Ich irre durch die Meinungen und Argumente, ich wirre mich selbst und verrenne mich. Chaos im Kopf. Ich mag kein Chaos im Kopf, ich behalte gern den Überblick. Eingefärbte, veränderte Profilbildchen, ja oder nein? Ich fand das immer … hm. Kindisch? Affig? Zu theatralisch? Ich finde keine richtige Bezeichnung dafür. Aber das war meine Meinung.

Mir dreht sich der Kopf

Ich habe mein Profilbild noch nie mit Fahne versehen, oder mit „Ribbon“ oder Banner oder Logo oder sonst was. Nicht, als der KSC abgestiegen war, nicht, als er fast aufgestiegen wäre. Nicht für Deutschland, nicht für Charlie, nicht für Paris. Auch nicht für Refugees. Und was heißt das nun? Dass ich nicht helfe? Nicht mitfühle? Nein. Es heißt nur, dass ich mein Profilbild nicht geändert habe. Aber was ist mit denen, die das tun? Ich mochte das nicht. Dann las ich, dass es doch egal sei, und wer es mag, solle es tun. Auch wieder wahr. Ach, ich weiß es doch nicht.

Letztlich will ich auf keinen Fall in diese Mirdochallesegal-Haltung rutschen. Aber ich will auch nicht verurteilen oder vorschnell urteilen. Jeder soll tun, was er oder sie für richtig hält. Aber was, wenn ich nicht mehr weiß, was ich für richtig halte? Mir dreht sich der Kopf. Zu viele Gedanken. Zu viel Gewalt, zu viel Gejammer, zu viel, so viel zu viel. Ich habe das Länderspiel im Fernsehen angesehen, und ich habe den lauten Knall gehört. Mein erster Gedanke war, och nö, schon wieder Pyro, dass sie das einfach nicht lassen können, dass sie immer und immer tun, was sie nun mal nicht dürfen, Gänsehautatmosphäre hin oder her. Anderes Thema.

Noch ein Knall, und noch wusste ich nicht, werwaswiewo. Dann las ich, und ich hörte und ich weinte. Habe die Brille abgesetzt, weil mich das alles so sehr aus der Fassung brachte. Ganz ohne die große Moral, ich wollte das größere Ganze nicht sehen. Es brachte mich aus meiner Fassung, und all die Gedanken prasselten auf mich ein, die schon so sehr oft da waren, am 11. September und bei Fußballspielen und Demonstrationen und Unfällen auf der A5, weil jemand getrunken hat und gefahren ist, bei Steinewerfern und bei Einbrüchen, bei kleinen Katastrophen und großen. Gedanken, was für eine Welt das ist, wozu wir Menschen sie machen, warum es Krieg gibt und Hass und Gewalt. Mein kleines Ich kommt damit nicht klar, warum Hass und Macht und Geld und Gewalt so erfolgreich regieren. Manchmal ja sogar mich selbst.

Brille absetzen bei Sandra Walzer alias Fräulein Walzer, freie Texterin, Konzeptionistin und Brillenbloggerin

Ablegen, absetzen, abschalten

Da saß ich also, die Brille vor mir auf dem Tisch. Sinnbild dafür, was das schmerzende Herz so gern hätte: Einfach nicht hinsehen. Nicht hinfühlen. Nicht mitfühlen? Schaffe ich nicht, will ich auch nicht. Darf ich nicht, denn sonst wäre ich nicht ich und mir wäre sehr sehr kalt. Mich berührt, wenn Bekannte darüber sprechen, dass Kollegen in Paris sind, Freunde, Verwandte. Mich berührt, wenn der bekannte Moderator im Fernsehen am Schluss der Sendung erzählt, dass seine Frau beinahe eine Wohnung über dem Bataclan gemietet hätte. Da wird der Promi zu dem, was wir alle sind: zum angreifbaren Menschen. Der in dem Augenblick sehr angegriffen wirkte. Oder der Kommentator im Fernsehen, dessen Aufgabe es war, ein Fußballspiel zu kommentieren.

Auch, wenn ich seine Kommentare nicht immer mag, so will ich doch meinen Respekt ausdrücken vor der Art, mit der er mit der Situation umgegangen ist. Seine eigenen Gefühle und Eindrücke zurückgestellt hat, um halbwegs seinem Job nachzugehen und den vielen tausend oder sogar Millionen Menschen überhaupt irgendetwas zu sagen, weil er doch nicht schweigen darf. Obwohl er das vielleicht gern getan hätte. Dürfen die da weiterspielen? Dürfen die das? Dürfen die am Dienstag das nächste Spiel durchziehen? Das dürfen die noch nicht! Empörungsgezeter allüberall.

Ich frage mich

und sage mir: Vielleicht sind wir alle nur auf der Suche nach dem Richtigoderfalsch, das es nicht gibt. Irgendwo habe ich gelesen, dass die französische Nationalmannschaft nach dem Spiel die Nacht gemeinsam mit dem deutschen Team in den Katakomben und Kabinen verbracht hat. Zusammenhalt, obwohl sie hätten gehen dürfen. Zusammenstehen. Für mich eine wunderbare Geste. Ebenso wie beim Spiel Rot-Weiß Oberhausen gegen Rot-Weiß Essen. Emotionsgeladenes Derby am Sonntagmittag. Zufällig habe ich reingeschaltet, nach der Sendung mit der Maus, Fußball geht eben fast immer. Und dort: Verantwortliche beider Vereine, die Arm in Arm stehen. Und eine Rede des Stadionsprechers zu Beginn, die mir sehr zu Herzen ging. Da hat er gute Worte gefunden. Danke dafür, Christian Straßburger.

Das Spiel habe ich bis zum 2:0 verfolgt, dann nicht mehr. Einfach mal abschalten dürfen ist auch ein Privileg, und einfach abschalten können ist Luxus. Statt Fernsehen: Raus in die Natur, mit der Kamera. Den Blick auf die kleinen Dinge. Gut, mit Brille, aber trotzdem war das ein bisschen wie Brille absetzen. (Über das Fotografieren mit manuellem Sucher und Brille werde ich garantiert noch bloggen, zefix. Entschuldigung.)

Die kleinen Dinge

Zurück zu Hause dann erneut der Blick auf Twitter und Nachrichten und ach. Was soll ich sagen. Ich will einfach so sehr die Brille absetzen. Ich will einfach mal überhaupt keine Bildchen sehen, keine blutigen und keine eingefärbten, keine mit Terminen und To dos, keine mit Geburtstagserinnerungen oder Eurozeichen und keine mit Sternen oder Herzen oder … Obwohl. Licht und Wärme und Musik und Herz, die dürfen immer. Ich revidiere mich. Bildchen mag ich sehen, Bilder voller Liebe, liebevoll aufgenommen für die Menschen, die uns wichtig sind. Lassen Sie uns das Schöne in der Welt verbreiten. Das Schöne und die Liebe, vor ihnen mag ich die Augen niemals verschließen. Die kleinen Dinge, für die braucht es nicht mal eine Brille. Denn ein Bild von Blumen am Wegrand, von einem besonders leuchtenden Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, einem kleinen Haus mit Fensterläden oder einfach nur von uns selbst, für unsere Lieben, die darf man immer schicken, und die kann man immer sehen.

 

Nachtrag:

Es ist Mittwoch. Gestern Abend wurde das Länderspiel in Hannover abgesagt. Viele Witze und Sprüche kursieren, und das ist wohl eine Möglichkeit von vielen, damit umzugehen. Ich habe aber auch Tweets gelesen von Menschen, die in Hannover wohnen und denen das im sehr wahren Wortsinn sehr nah ging. Was ist das alles? Wo führt es uns hin? Wird es in ein paar Tagen vergessen sein, oder kommt da noch mehr? Was kommt? Wann? Und wo? Vielleicht ganz nah, näher, als wir es ertragen können? Es gibt keine Antworten darauf. Es gibt nur diesen Wunsch in mir, den unbändigen, den Glauben an das Gute nicht zu verlieren. Mit Liebe und Hoffnung all dem Hass und der Gewalt zu begegnen. Und ab und zu, für eine Weile, einfach mal die Brille abzusetzen. Augen zu. Sorry, Welt; muss sein.

Über die Autorin

Sandra Walzer ist Fräulein mit Brille: Storyteller, Brillenbloggerin. Ich erzähle die Geschichten durch zwei Gläser gesehen und kämpfe gegen die Tücken und Flecken des Brillenträgerinnenalltags.

Kommentare

  • Katja
    19. November 2015

    Liebe Sandra,
    danke! Danke für diese treffenden, so traurigen und doch so schönen Worte. Ich fühle sie genau so mit und erlebe mich in den letzten Tagen auch immer wieder beim Brille-Absetzen. Mal real, mal gedanklich. Ich glaube, dass gerade in diesen Tagen viel mehr Menschen mal die Brille absetzen sollten. Nicht, um wegzuschauen, sondern um in sich hineinzuschauen. Vielleicht finden sie da die Menschlichkeit und Besonnenheit, die die Welt heute dringender braucht als je zuvor. Das wäre ein Anfang.
    Liebe Grüße
    Katja

  • De Chareli
    23. Dezember 2015

    Die Brille absetzen? Nein, dazu bin ich zu neugierig. Die Ohren verschließen? Nein, dazu bin ich zu wissbegierig. Den Mund halten? Nein, das wäre gegen meine Natur. Die Hände in den Schoß legen? Nein, das wäre zu einfach. Also? Ausgleich schaffen. Schöne Dinge sehen. Schöne Töne hören. Schöne Lieder singen. Schöne Hände halten.

  • MichaelaH
    10. Mai 2016

    Irgendwie hat die Sehhilfe doch ihren Schrecken für uns Frauen verloren. Heutzutage kann ich doch die Brille prima als modisches Accessoires in mein Outfit integrieren. Mittlerweile hat man doch auch nicht mehr eine, sondern 5 – 10, ist ja bald wie bei Schuhen. Eine Freundin, die gar keine benötigt hat selbst 3 Brillen zu Hause, mit Fensterglas

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