Stolpersteine der Sprache

Da wird, pardon, wurde doch tatsächlich gestritten, ob Bier „bekömmlich“ genannt werden darf. Vor Gericht. Man kann es kaum glauben … Im Radio gab es dazu einen Bericht mit O-Tönen, von der Straße, vom Normalbürger und der Normalbürgerin. Wie sie und er denn „bekömmlich“ überhaupt verstehen. Die einen definieren es als „wohlschmeckend“, die anderen als „gesundheitsfördernd“, und genau darin liegt wohl auch das Problem.

Denn ein alkoholisches Getränk dürfe der Gesundheit doch wohl auf gar keinen Fall zuträglich sein, so der Verband Sozialer Wettbewerb (VSW) sinngemäß. Gibt’s unter anderem bei der FAZ, bei der Welt und bei der Südwest Presse zu lesen. Die Brauerei Clemens Härle aus Leutkirch wiederum benutzt beharrlich weiter „bekömmlich“ in der Werbung und stellt sich vor ihre Aussage. Es sei schließlich auf den uralten Trinkspruch „Wohl bekomm’s!“ zurückzuführen, und würde auf den guten Geschmack abzielen.

Verknotung der Verständigung

Während ich so hörte und hörte, fragte ich mich: Bin ich verkehrt? Ich verstehe „bekömmlich“ als „es bekommt mir“, sprich: Ich vertrage es. Es macht kein Magenweh, es ist womöglich leicht verdaulich, nicht zu schwer oder sauer oder anderweitig belastend. Wenn ich hier weiterdenke, kann ein alkoholisches Getränk tatsächlich kaum bekömmlich sein, denn Alkohol bekommt mir nicht. Jedenfalls nicht ab einer gewissen Menge. Wogegen Sportler ja auf die isotonische Wirkung des Hopfen-Mal-Gebräus schwören … Das dann aber eher in der – genau – alkoholfreien Variante. Und Wein wiederum, vor allem roter, verfügt erwiesenermaßen über Stoffe, die in geringen Mengen sehr wohl dem Körper gut tun. Wie jetzt? Ist Alkohol doch gesund? Heißt bekömmlich dann doch, „der Gesundheit zuträglich“?

Es wird kompliziert

Ich habe mal den Duden befragt, der muss das doch wissen. Als Beispiel wird „ein leicht bekömmliches Essen“ genannt, in den Synonymen tauchen „verträglich“ und „leicht verdaulich“ auf. Das Wort stammt aus dem Mittelhochdeutschen, „bekom(en)lich“ für „passend, bequem“. Soweit bin ich d’accord mit dem Duden, aber besser noch ein Blick in andere Portale. Wiktionary zum Beispiel sagt, ein Synonym ist „zuträglich“. Oh nein. Wir drehen uns im Kreis! Gegenwörter sind „ungenießbar, unzuträglich“. Oh weh oh weh, keine Lösung in Sicht, scheint mir.

Das Woxikon wiederum schreibt „leicht verdaulich, essbar, gesund, leicht, verträglich, nicht belastend, den Magen schonend“. Ich komme nicht weiter und bin gespannt, wie die Richter das auslegen werden. Wichtig dabei ist, dass es nicht um die Förderung der Gesundheit geht, sondern schon um die „gesundheitsbezogene Aussage“. Was ist Gesundheit? Schon, wenn es mir „wohl bekommt“?

Entscheidend ist was anderes

Wieder einmal bin ich sehr froh, hier nicht entscheiden zu müssen. Überhaupt: Wie will jemand beurteilen oder versprechen können, ob ich das Produkt vertrage? Vielleicht habe ich eine Allergie oder Intoleranz einem oder mehreren Inhaltsstoffen gegenüber – was dann? Dann ist auch das angeblich bekömmlichste Getränk plötzlich alles andere als gut verträglich. Aber wohlschmeckend kann es trotzdem sein. Und nun? Ich verbleibe ratlos, hole mir ein ganz und gar bekömmliches Wasser und überlasse das Wortfeld den Richtern. Die haben heute denn auch tatsächlich entschieden: Das Landgericht Ravensburg sagt, „bekömmlich“ hat in Bierwerbung nichts zu suchen.

Na dann: Wohl bekomm’s. Wem auch immer. Mir stößt die Diskussion inzwischen sauer auf, vor allem, weil wir doch wirklich wichtigere Dinge zu diskutieren und zu entscheiden hätten.